Das Anahata-Cakra und sein Bija-Mantra YAM

Audio-Rezitation des Mantra YAM, das sogenannte Wurzelmantra oder bija-mantra des Herzzentrums.

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Je nach Stilform des Yoga können auch die einzelnen Mantra unterschiedliche Interpretationen erhalten. So gibt es zum Beispiel Schulen, die dem Tantra-Yoga nahestehen. Dort legt man im allgemeinen Wert auf kräftige, tiefe Töne und lässt das die Wurzelmantra begleitende „M“ lange ausklingen. Ein Ziel dieser Mantra-Praxis ist die größtmögliche energetische Stimulation und damit Reinigung bestimmter Zonen des Körpers und der feinstofflichen Ebenen. Folgende Rezitation des Mantra YAM findet sich auf youtube:

 

In YAM verbergen sich die Laute I-A-M

Die hier vorgestellte Art der Mantra-Rezitation setzt mehr bei der Erkenntnis zu einem Mantra und der nachfolgenden Formung des Klanges aufgrund einer im Bewusstsein gebildeten Vorstellung an. Am Beispiel von YAM klingt das folgendermaßen:

 

Die Betonung wurde bei dieser Rezitation auf den Laut „I“ gelegt, denn YAM ist nach den Regeln der Sanskritsprache nichts anderes als der Laut „I“, dem sich ein ausklingendes „A“ und „M“ anschließen. Ein Wurzelmantra, das sich auf die verschiedenen Cakra oder auch auf eine Gottheit wie zum Beispiel GAM für Ganesha beziehen kann, ist sehr oft nur ein einzelner Buchstabe, der aber über das nachfolgende „AM“ zum Klingen gebracht wird.

Sanskrit ist eine außerordentlich präzise Sprache mit sehr strengen Regeln. Das „Y“ (ausgesprochen wie ein „J“ im Deutschen) wird als Halbvokal benannt und steht also zwischen Vokal und Konsonant vom Charakter her. Treffen nun ein „I“ und ein „A“ zusammen, so wandelt sich der I-Laut in das „Y“, das aber als Laut die Erinnerung an das „I“ beibehält.

Isha ist die Gottheit des Anahata-Chakra

Sir John Woodroffe alias Arthur Avalon beschreibt in seinem Werk „Die Schlangenkraft“ (The serpent power) das Herz-Chakra folgendermaßen:

Im Herzen meditiere auf den Sitz der Gnade, den unbefleckten Herrn, der lichtvoll wie die Sonne ist und dessen beide Hände Gesten formen, welche Wohltaten gewähren und die Furcht in allen drei Welten vertreiben.

Dieser unbefleckte Herr ist der erhabene Shiva, der im Herzen als Isha, als die persönliche Gottheit der nach Verwirklichung strebenden Seele (jīva) erscheint. In makrokosmischer Form ist Isha der Ishvara, der Herr über die Welten. Arthur Avalon fährt fort:

Wer auf den Herz-Lotus meditiert, wird wie der Herr der Sprache und wie Ishvara wird er fähig sein, die Welten zu erbauen und zu zerstören.

Die Formulierung „Herr der Sprache“ deutet darauf hin, dass nach der indischen Philosophie die Sprache Ausdruck der schöpferischen Kräfte ist und das Wort eine aufbauende oder auch eine vernichtende Kraft besitzen kann. Der Mantra Yoga hat in diesen Vorstellungen seinen Ursprung.

Der Vokal „I“ als Laut der Transformation

Das „I“, das dem Herz-Chakra zugeordnet wird, ist sowohl gesangstechnisch, als auch von der Interpretation der am schwierigsten zu formende Vokal. Das „I“ umfasst den ganzen Sprachraum, vom Bauch bis zur Stirn. Die eurythmische Geste für das „I“ ist eine unendliche Linie, die zunächst nach unten geht, aber sich als Art Gegenbewegung sogleich nach oben fortsetzt. Theodor Hundhammer veranschaulicht diese Geste in seiner Ski-Eurythmie:

Shiva, Isha, Ishvara und der Jivatman, die individuelle Seele, haben alle das „I“ an dominanter Stelle. Bei Isha und Jiva handelt es sich zudem um ein sogenanntes langes „I“, das mit etwa doppelter Ausdehnung gesprochen wird. Im Herzen begegnet die individuelle Seele der universalen Seele. Der Yogaschüler lernt mit der Meditation auf das Herz, persönliche, unwichtige Neigungen zugunsten größerer, dem Kosmos entsprechender Stimmungen und Haltungen zurück zu lassen. Somit tritt er in eine erste Transformation seiner Persönlichkeit ein.

Praktische Gesichtspunkte zur Mantra-Rezitation

Damit die Rezitation des kurzen Wortes YAM nicht mechanisch und monoton erfolgt, ist es sehr hilfreich, sich den Laut „I“ über die eurythmische Geste zu veranschaulichen. Man kann mit den Händen die Geste nach unten und nach oben formen und dazu das YAM rezitieren. Als nächsten Schritt kann man in der Erinnerung an die Beschreibungen aus den Yoga-Schriften sich gedanklich vor Augen führen, wie das persönliche Leben in Wirklichkeit niemals abgeschlosen von der kosmischen Realität ist und wie es sogar ein Ziel des Lebens ist, dass die eigenen Lebensführung immer mehr den kosmischen Gesetzen entspricht. Arthur Avalon beschreibt den erfolgreich auf das Herz-Cakra meditierenden Yogi so:

Überragend unter den Yogis ist er lieblicher als derjenige, der den Frauen am liebsten ist, er ist außerordentlich weise und voller edler Taten. Er hat seine Sinne vollkommen unter Kontrolle. Sein Geist ist in intensiver Konzentration vertieft in Gedanken an Brahman (= Personifizierung der universalen Schöpferwelten). Seine inspirierte Sprache fließt wie ein Strom klaren Wassers.

Nach dieser mentalen Vorbereitung kann man nun zur Rezitation schreiten und sich jetzt ganz auf das gesangliche Element konzentrieren, die Töne klar und weit ausformen, so viel atmen, wie es jeweils einer Silbe entspricht und während des Rezitierens gleichzeitig das „I“ in seiner erhabenen Länge wie im Raum existierend wahrnehmen. Die Dauer der Rezitation, ob eine, zwei, fünf oder zehn Minuten kann man von der persönlichen Konzentrationskraft abhängig machen. Wenn die Gedanken zu sehr abschweifen, ist es besser, eine Pause zu machen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder mit der Rezitation zu beginnen.

Textquellen:

Arthur Avalon, Die Schlangenkraft, 177 Seiten, Edition Geheimes Wissen 2007, ISBN 978-3902640888

Bildquellen (18-07-04):

www.chakra108.de

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