Analytische Religionsphilosophie, Hermann Schrödter

Rezension des Fachbuchs über Hauptstandpunkte und Grundprobleme der analytischen Religionsphilosophie.

Analytische Religionsphilosophie, Hermann SchrödterDer Autor dieses Buches über analytische Religionsphilosophie, Prof. Dr. phil. Habil. Hermann Schrödter war von 1971 bis 2004 Professor für Religionsphilosophie am Institut für Theologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Im Jahr 1979 ist das vorliegende Buch publiziert worden, das eines seiner wesentlichen Werke darstellen dürfte.

Was versteht man unter analytischer Religionsphilosophie?

Als Fachbuch ist es eine harte Kost für den Leser und doch schenkt es auch dem philosophischen Laien einen Einblick in die zeitgeschichtliche Entwicklung der Religionsphilosophie. Der inhaltliche Aufbau ist dabei durchaus logisch: Von einer Einführung über das Philosophieren allgemein schreitet der Autor fort zur Religionsphilosophie und von da zur analytischen Religionsphilosophie, deren Entstehung als eigenständige Disziplin er mit dem Jahr 1910 beziffert.

Den Hauptteil des Buches bildet in der Folge der Abschnitt über „Anspruch und Durchführung der analytischen Religionsphilosophie“. Der Leser wird in diesem Kapitel auf zeitliche und inhaltliche Zuordnungen aufmerksam. So spielt der „Tractatus Logico-philosophicus“ von Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) eine wesentliche Rolle, aber auch dessen Kritik durch den Wiener Kreis und die Strömung des Logischen Empirismus. Bei dem Wiener Kreis handelt es sich um eine Gruppe von Philosophen und Wissenschaftstheoretikern, die sich im Haus von Wittgensteins Schwester Margarethe trafen. Dieses Haus hatte Wittgenstein interessanterweise selbst zusammen mit einem Architekten konstruiert.

Inhaltlich erklärt der Autor das Entstehen der analytischen Religionsphilosphie als eine Antwort auf einen Idealismus, der unter anderem besagt:

Aufgabe der Philosophie ist Verstehen der Welt. Sie zu erklären, heißt Einzeltatsachen in einen Zusammenhang stellen, der sie als notwendig einsehen lässt. Philosophie erarbeitet also notwendige Aussagen über notwendige Zusammenhänge der Welt. Diese Zusammenhänge sind echte Entdeckungen. (S. 41)

Philosophieren über die Argumente der Philosophen

Als Wegbereiter der analytischen Religionsphilosophie nennt der Autor speziell George E. Moore (1873 – 1958) und Bertrand Russel (1872 – 1969), der auch der Lehrer von Ludwig Wittgenstein war. So habe Moore in seiner „Widerlegung des Idealismus“ der idealistischen These über die Welt: „Das Universum ist geistiger Natur“ nun nicht, wie es bisher üblich war, eine Art Gegenthese gegenübergestellt.

Er „analysiert“ vielmehr diese Behauptung auf ihre Voraussetzungen und Implikate, auf den Sinn, der in ihr auftretenden Termini und kommt zu dem Ergebnis, dass sich die These der Idealisten aufgrund einer falsch gestellten Frage ergibt. In diesem Vorgehen zeigt sich typisch die analytische Wende: Es wird nichts über die Welt gesagt, sondern viel über die Argumente und Begriffe, mit denen über die Welt gesprochen wird. … Mit anderen Worten: Argumente als solche, die Tatsache, dass und wie argumentiert wird, und nicht die Welt, bilden den Gegenstand philosophisch analysierender Aussagen und Gedankengänge. (S. 43)

Historisch bedeutungsvoll ist diese Wende, da sich durch die Analyse große Kontroversen der Philosophie, wie die zwischen Empirismus und Idealismus (ein Unterschied, auf den ich in meiner nächsten Buchrezension näher eingehen werde), klären können. In der Tat war eine solche „Klärung“ ein wesentlicher Antrieb für Ludwig Wittgensteins philosophische Bemühungen. Er hat die Verfassung seines Tractatus Logico-philosophicus in dem Bewusstsein abgeschlossen, nun alles „geklärt“ zu haben und wandte sich konsequenterweise nun anderen Lebensaufgaben, nämlich der Lehrtätigkeit, zu.

Sinnvolle, sinnlose und unsinnige Aussagen

Während nur wenige Jahrzehnte später Viktor Frankl die ganz auf der Frage nach dem Sinn des Lebens basierende Logotherapie entwickelt, dient der Sinnbegriff Ludwig Wittgenstein nun bei seiner philosophischen Analyse. Er untersucht sprachliche Aussagen auf logische Weise und kommt zu der Einteilung, dass es sich bei Sätzen der Naturwissenschaft um „sinnvolle“ Aussagen handelt, Sätze, die nicht auf Erfahrungstatsachen, sondern auf bloße Reflexion beruhen, nennt er „sinnlose“ Aussagen. Und als dritte Kategorie spricht er von „unsinnigen“ Aussagen in zweiterlei Hinsicht: einmal sind es Aussagen, die den Bereich des Mystischen betreffen, da man über diesen Bereich keine direkte Kenntnis haben kann. Und zum anderen sind es die sinnkritischen und sprachreflexiven Aussagen seines Philosophierens selbst. Konsequenterweise ist Wittgenstein der Ansicht, dass das Ziel seines Tractatus in seiner Überwindung liegt. Wer also alle dort aufgeführten Gedankengänge durchdacht hat, wird an die Lösung des großen philosophischen Problems kommen und der Tractatus somit für diese Person überflüssig werden.

In diesem Punkt erweist sich der Autor Hermann Schrödter nun selbst als Philosophierender, indem er einen weiteren Schritt wagt. Er versucht eine post-analytische Religionsphilosophie:

Durch methodische Einbeziehung des jeweils philosophisch Fragenden lässt sich eine neue Fassung des Sinnkriteriums, der Verifikationsforderung religiöser Aussagen und der Begründung von Religionsphilosophie finden. (s. Umschlagseite)

Ein Fachbuch für Philosophierende

Das Buch ist als universitäres Fachbuch verfasst und darin liegt auch seine Kritik: Wissenschaft macht erst wirklich Freude, wenn sie allgemein zugänglich für jedermann formuliert werden kann. Dies demonstriert zum Beispiel Prof. Dr. Sucharit Bhakdi mit seinem Buch „Schreckgespenst Infektionen“ auf sehr schöne Weise. Hermann Schrödter verbleibt jedoch ganz in der rein wissenschaftlichen Auseinandersetzung und es geht aus seinem Werk noch nicht hervor, welche Bedeutung die beschriebene Wende in der Philosophie nun für das Volk im Allgemeinen hat.

Eine solche Bedeutung könnte ich persönlich jedoch durchaus vermuten angesichts der Tatsache, dass heute allgemein eine Unzufriedenheit daran geknüpft ist, über einen fernen Gott zu sprechen. Der Mensch als Subjekt und Individuum ist wirklich mehr im Zentrum des Weltverständnisses der Gegenwart. Vielleicht liegt hier eine zukünftige wichtige Aufgabe der Geisteswissenschaft (sprich Theosophie, bzw. Anthroposophie), dass sie auf das Ewige im Menschen als Realität verweist.

Spiritueller Wert 3/5
Praktischer Wert 1/5

 

Hermann Schrödter, Analytische Religionsphilosophie, Hauptstandpunkte und Grundprobleme, Taschenbuch, 330 Seiten, Verlag Karl Alber 1979, ISBN 3495474080

Das Buch ist online nur noch antiquarisch erhältlich, z. B. auf den Seiten booklooker.de, zvab.com, Amazon.de.

Bildquellennachweis (21-02-20): Beitragsbild-booklooker.de

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