Das Wunder des bewussten Atmens, Thich Nhat Hanh

Rezension der Einführung in die Atem-Meditation von Thich Nhat Hanh.

Das Wunder des bewussten Atmesn, Thich Nhat Hanh“Breathe! You are alive!” – Atme und du weißt: Du bist lebendig!, so lautet der englische Originaltitel des Büchleins über den Atem von dem Zen-Meister und buddhistischen Mönch Thich Nhat Hanh. Das Buch wurde 2016 im Theseus Verlag neu aufgelegt, nachdem es bereits einige Vorgänger-Ausgaben im Herder-Verlag in Taschenbuch-Format gegeben hatte. Die Konzentration auf den Atem spielt in der buddhistischen Meditation eine zentrale Rolle und so wäre es direkt verwunderlich, wenn der bekannte Autor und vietnamesische Friedensaktivist Thich Nhat Hanh ihm nicht ein eigenes Buch gewidmet hätte.

Das Anapanasati-Sutra, Buddhas Lehrrede

Nachdem er kurz die 16 meditativen Leitsätze zum bewussten Atmen aufzählt, gibt der Autor das Original-Sutra von Buddha selbst zum Atem wieder. In seinen Erläuterungen weist er im Anschluss darauf hin, dass Buddha das bewusste Atmen mit den Vier Grundlagen der Achtsamkeit verbindet, das sind die Achtsamkeit auf den Körper, auf die Gefühle, auf den Geist und auf die Geistesobjekte.

Den Hauptteil des Buches bildet der erläuternde Kommentar von Thich Nhat Hanh zu der Lehrrede von Buddha über den Atem. Wer bereits aktiv die Meditation praktiziert, wird sich besonders für den folgenden Abschnitt interessieren, die „Geleiteten Meditationen.“ Aus diesem Grund möchte ich einen Teil daraus im Original zitieren:

Hier sind einige Anregungen für selbst angeleitete Meditationen. Sie beruhen auf den Übungen, die der Buddha im Anapanasati Sutta gelehrt hat. Mit jeder könnt ihr euch so lange beschäftigen, bis ihr ihre Bedeutung erfasst habt. Vielleicht nehmt ihr euch für jede Übung erst einmal zehn Minuten Zeit. Dass ihr sie richtig durchführt, merkt ihr daran, dass ihr euch durch die Übung aufgebaut, genährt fühlt. In Klammern findet ihr Stichwörter, durch die ihr euch an den Inhalt des jeweiligen Übungssatzes erinnern könnt. Keineswegs braucht ihr alle Meditationen in einer einzigen Sitzung durchzuführen.

  1. Ich atme ein und weiß, dass ich einatme. Ich atme aus und weiß, dass ich ausatme. (Ein, aus)
  2. Beim Einatmen, weiß ich, mein Atem geht tief. Beim Ausatmen weiß ich, mein Atem fließt langsam. (Tief, langsam)
  3. Ich atme ein und nehme meinen ganzen Körper bewusst wahr. Ich atme aus und lasse meinen ganzen Körper ruhig werden. (Körper bewusst wahrnehmen, Körper ruhig werden lassen)
  4. Ich atme ein und spüre, dass ich am Leben bin. Ich atme aus und empfinde Freude, am Leben zu sein. (Leben, Freude am Leben)
  5. Ich atme ein und weiß, ich habe die Gelegenheit zu meditieren. Ich atme aus und bin glücklich über die Gelegenheit zu meditieren. (Gelegenheit zu meditieren, glücklich)
  6. .

In der zweiten Übung forciert bitte euren Atem nicht, tiefer oder langsamer zu werden. Dies ist eine Übung im reinen Wahrnehmen. Eurer Atem ist nämlich durch die erste Übung bereits tiefer und ruhiger geworden. In der dritten Übung seid ihr euch eures Körpers bewusst, un so werdet ihr wissen, welche Körperbereiche es zu beruhigen gilt. In der vierten und fünften Übung wird es euch nicht genügen, die Worte „Freude“ und „glücklich“ nur so inhaltsleer auszusprechen. Deshalb haben wir hier die Tatsache, lebendig zu sein, als Grund gewählt, glücklich zu sein, desgleichen die Gelegenheit, meditieren zu können. Natürlich könnt ihr euch eine andere Bedingung für eurer Glücksgefühl wählen und diese dann in der Meditation verwenden.

Buddhistische Atem-Meditation

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Antike Buddhastatue aus Sri Lanka

Schließlich schildert der Autor die Entstehungsgeschichte des Sutra, das in seiner schriftlichen Form bis in das Jahr 250 n.Chr. zurück geführt werden kann. Buddha selbst, von dem die Lehrsätze stammen, lebte ca. 500 v. Chr. – Einige weiterführende praktische Aspekte zu den Übungen beschließen das Büchlein.

Das Buch über den Atem von Thich Nhat Hanh behandelt in knapper und konzentrierter Form einen wesentlichen Aspekt buddhistischer Meditation. Nach den Schilderungen des Autors sind aber die hier vorgestellten originalen Lehrsätze von Buddha in der vielfältigen Weiterentwicklung und Aufgliederung der buddhistischen Lehre wie zugeschüttet worden und heute vor allem in den nördlichen Zonen der Verbreitung des Buddhismus sehr wenig bekannt. In einem bildhaften Vergleich nennt Thich Nhat Hanh deshalb die Lehrsätze zum Atem wie die Wurzeln und den Stamm eines Baumes. Diesen kennen zu lernen, eröffnet auch eine tiefere Beziehung zu den weiter verzweigten Ästen und Blättern.

Die Zeugenhaltung, sākṣi

Vom Standpunkt des Yoga aus betrachtet, schult diese Form der buddhistischen Atem-Meditation vor allem eine Bewusstseinshaltung, die im Sanskrit mit sākṣi, der Zeugen-Haltung bezeichnet wird. Der Übende lernt, eine gewisse Distanz zum Körper, den Gefühlen und den verschiedenen psychischen Phänomenen einzunehmen und identifiziert sich weniger mit den unterschiedlichen Strömungen des Bewusstseins. Ein weiterer Schritt, der dem eigentlichen dhyāna, der Meditation als 7. Stufe im Yoga-Pfad entspricht, könnte nun in einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Wesen des Atems selbst bestehen: Woher kommt der Atem?, welche Dimension umfasst er?, wie ist das Verhältnis von Atem und Bewusstsein im Menschen?, dies wären weiterführende Fragen, die eine innere Erkenntnis zum Wesen des Atems vorbereiten, die schließlich dem Schritt des samādhi gleich kommen wird.

Das Buch von Thich Nhat Hanh über den bewussten Atem ist jedoch für alle an Meditation interessierten Menschen zu empfehlen.

Spiritueller Wert 4/5

Praktischer Wert 5/5

Das Wunder des bewussten Atmens, Thich Nhat Hanh, 100 Seiten, VerlagTheseus in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH; 1. Auflage 2016, ISBN 978-3958830820

Das Buch kann online erworben werden unter Amazon.at, derbuchhaendler.at, Thalia.at. Es ist auch als Audio-CD erhältlich.

Bildquellennachweis (18-12-01): Amazon, pixabay_suzyT

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