Chögyam Trungpa – der Pionier Tibets im Westen

Biographische Skizze einer bedeutenden tibetischen Persönlichkeit.

Chögyam Trungpa Legacy ProjectWer sich nicht gerade für tibetischen Buddhismus interessiert, wird wohl auch noch nie den Namen Chögyam Trungpa (1939 – 1987) gehört haben. Dennoch lohnt es sich meiner Meinung nach auch für Nicht-Buddhisten, einen Blick auf das Leben dieses Mannes zu werfen, der wohl allgemein als Pionier des tibetischen Buddhismus im Westen gelten darf.

Eine hohe Geburt

Am 5. März 1939 in Tibet in einer Nomadenfamilie geboren, wurde er bereits mit 13 Monaten als Trungpa Tülku anerkannt, das heißt er wurde als wiedergeborener Meister (Tulku) von zweien bedeutenden buddhistischen Mönchstradititonen Tibets, der Kagyü- und der Nyingma-Tradition, identifiziert. Infolgedessen bekam er von Kindheit an eine strenge und intensive Ausbildung, damit er seine ihm zugedachte Rolle als Leiter der Surmang-Klöster und als Governeur des Surmang-Distrikts im Nordosten von Tibet erfüllen könne. Einige seiner Lehrer zählten zu den damals bekanntesten Persönlichkeiten in Tibet. Die ihm gewidmete Webseite „The Chronicles of Chögyam Trungpa Rinpoche enthält einen von ihm selbst verfassten Bericht über die Begegnungen mit seinem Guru Jamgön Kongtrül von Sechen.

Weil die Art, wie in Tibet religiös hochstehende Persönlichkeiten bereits als Kind identifiziert werden, für westliche Gemüter vollkommen fremd ist, sei im folgenden eine Übersetzung aus der englischen Biographie Chögyam Trungpas auf der Seite http://chogyamtrungpa.com wiedergegeben: „Gemäß tibetischer Tradition ist ein erleuchteter Lehrer fähig, basierend auf seinem oder ihrem Gelübde des Mitleids, als Mensch über eine Folge von Generationen zu reinkarnieren. Vor dem Tod hinterlässt solch ein Lehrer evtl. einen Brief oder andere Anhaltspunkte über die Umstände seiner nächsten Inkarnation. Später schauen Schüler und realisierte Lehrer diese Hinweise durch und basierend auf ihnen sowie auf einer sorgfältigen Prüfung von Träumen und Visionen, leiten sie die Suche, um den Nachfolger zu entdecken und zu erkennen. Auf diese Weise werden besondere Linien von Lehren geformt, welche in manchen Fällen über viele Jahrhunderte andauern. Chögyam Trungpa war der elfte in der Lehr-Linie, welche Trungpa Tulku genannt wird.“

Auf der englischen Wikipediaseite zu Tenzin Gyatso, dem 14. Dalai Lama, wird diese Suche, wie sie in seinem Fall verlaufen war, genau beschrieben. So hatte der damals zweijährige Tenzin Gyatso unter anderem aus einer Reihe von Gegenständen diejenigen, die seinem Vorgänger gehört hatten, mit den Worten „Das gehört mir“ ausgewählt.

Mit 18 Jahren endete für Chögyam Trungpa die sehr harte Lehr- und Studienzeit und er erhielt die beiden Abschlüsse des Kyorpön (befähigt zur Durchführung von religiösen Ritualen) und des Khenpo (befähigt zum Lehren des Buddhismus). Außerdem wurde er in diesem Alter vollständig in die Mönchs-Gemeinschaft aufgenommen.

Die neun Monate lange Flucht nach Indien

Tibet_Karte

Die Flucht führte vom Nordosten Tibets aus nach Indien.

Doch schon bald darauf, am 10. März 1959 eskalierten mit dem Tibetaufstand die seit langem bestehenden Spannungen zwischen China und Tibet und er war seines Lebens nicht mehr sicher, da die chinesischen Truppen gezielt Mönche als Aufwiegler verfolgten. In seinem (in deutscher Sprache vergriffenen) Buch „Geboren in Tibet“ berichtet Chögyam Trungpa später, wie er sich zunächst abseits von seinem Kloster in einem verlassenen Bergdorf versteckte. Er hatte seine Bücher dabei und der Ort schien ihm angenehm, so dass er zunächst den Ernst der Lage noch nicht realisierte. Kurz darauf aber erhielt er bereits die Nachricht, dass sein Kloster zerstört worden war. Damit war klar, dass ihm nur die Flucht blieb.

Damit begann eine neun Monate dauernde Flucht, denn zunächst strebten die Fliehenden die Stadt Lhasa an. Da sie dabei ständig vor den Chinesen auf der Hut sein mussten, war es nach vier Monaten der Flucht klar, dass Lhasa als Zielort zu gefährlich war. Sie entschieden sich, die Flucht nach Indien zu wagen, entgegen den Aussagen, wonach es wegen der drohenden Wintermonate ein unmögliches Unterfangen war. Einer der späteren Schüler von Chögyam Trungpa, Grant MacLean, hat in drei kurzen Video-Sequenzen den Fluchtweg nachverfolgt: https://www.chronicleproject.com/touch-and-go/

Daraus geht hervor, welch vielfältigen Hindernissen die Fliehenden ausgesetzt waren: ihre Gruppe war zahlenmäßig stark angewachsen, zuletzt auf über 300 Personen, vom Baby bis zu den Alten, dann die ständige Hut vor den Chinesen, die hohen schwer passierbaren Berge, schwierige Wetterbedingungen mit Kälte, Wind und Schnee. An einem bestimmten Punkt mussten sie ihre Tiere zurücklassen und zu Fuß weitergehen, da die Tiere den dortigen Fluss nicht überqueren konnten. Immer wieder mussten sie Hunger leiden, so dass manche in ihrer Not sogar Leder aßen. Über lange Passagen entschieden sie sich, nachts zu wandern, um nicht entdeckt zu werden, was die Reise noch einmal schwieriger machte.

Und dann, an einem entscheidenden Punkt, dem Fluss Brahmaputra, der Indien von Tibet trennt, waren sie mit 14 Personen Vorhut bis zu einer Sandbank mitten in dem breiten und reissenden Fluss gekommen, als sie plötzlich die Schüsse der Chinesen hörten. Sie warfen ihre letzten Sachen ins Wasser und konnten entkommen, aber sie verloren alle ihre Kameraden und erfuhren nie mehr, was aus dem Rest des fliehenden Trupps geworden ist. An diesem Punkt, ausgefroren, erschöpft und verzweifelt, stand ihnen aber noch die Überquerung des indischen Himalaya-Gebirges bevor, um sicheren indischen Boden zu erreichen.

Kaum hatten sie aber diese Etappe bewältigt, konnten sie mit einem indischen Lastflugzeug den letzten Teil der Reise zurücklegen.

Zum Lernen und Lehren geboren

Chögyam Trungpa im Westen

Im Alter von 30 Jahren legte Chögyam Trungpa das Mönchsgelübde nieder.

Sie erreichten schließlich im Januar 1960 den Dalai Lama, der bereits vor ihnen während des Tibetaufstands im März 1959 nach Indien geflohen war. Dieser bat Chögyam Trunpa, die Schule für junge tibetische Lamas in Delhi zu leiten, was für die darauffolgenden drei Jahre seine Aufgabe war. Aufgrund eines Stipendiums konnte er 1963 nach Oxford in England gehen und studierte dort vergleichende Religionswissenschaft, Philosophie, Geschichte und Schöne Künste. Gleichzeitg begann er, in dreimonatigen Kursen das Dharma, also die tibetische buddhistische Lehre für westliche Studenten zu unterrichten. Schon 1967 entstand in Schottland ein erstes Meditationszentrum.

1968, also in seinem dreissigsten Lebensjahr, dem Jahr, in dem es häufig zu Lebenskrisen kommt, ereigneten sich weitere entscheidende Begebenheiten im Leben Chögyam Trungpas. Während eines Retreat-Aufenthalts in Bhutan, empfing er eine innere Botschaft, auf die er später folgendermaßen zurück blickte:

Die Botschaft, die ich durch mein Gebet erhalten hatte, war, dass man spirituellen Egoismus und all seine Verführungen bloßstellen muss, ansonsten kann sich keine wahre Spiritualität entwickeln. Ich begann zu realisieren, dass ich in meinem Leben wagemutige Schritte unternehmen muss.

Ein Jahr später erlitt er einen Autounfall, aufgrunddessen seine linke Körperseite teilweise gelähmt wurde. Die Summe dieser Erfahrungen führte zu seiner Entscheidung, das Leben als Mönch aufzugeben und ganz in die westliche Lebensweise einzutauchen. Er heiratete und begann zu rauchen und Alkohol zu trinken. Mit großem Interesse studierte er darüber hinaus die westliche Mentalität.

Gegenüber kritischen Stimmen zu seiner Abkehr vom Mönchsdasein und der Pflege der tibetischen Kultur, äußerte er, dass die buddhistische Lehre – das Dharma – im Westen Wurzeln fassen soll und dass das nur möglich sei, wenn sie frei von kulturellen Bezügen und religiöser Faszination gelehrt wird.

Siebzehn Jahre des Lehrens in Nordamerika

Einer Einladung von Schülern folgend, verlegte er 1970 seinen Wohnsitz nach Amerika und wurde dort zum Pionier für die Verbreitung tibetischen Wissens im Westen. Manche Zen-Meister, wie zum Beispiel Suzuki Roshi, die bereits vor ihm in Nordamerika buddhistische Meditation lehrten, wurden seine Freunde. Chögyam Trungpa sprach im Unterschied zu manchen anderen Exil-Tibetern fließend Englisch und hatte ein Talent dafür, die Lehrinhalte in einer den jeweiligen Studenten gemäßen Form zu vermitteln. Er gründete mehrere Zentren, unter anderem die einzige staatlich anerkannte buddhistische Universität von Nordamerika. Zudem übersetzte er das tibetanische Totenbuch neu und schrieb eigene Bücher, das wichtigste davon „Shambhala: Der heilige Pfad des Kriegers“.

Mit „Shambhala“ hat Chögyam Trungpa eine neue Linie buddhistischer Lehre gegründet, die heute von seinem Sohn fortgeführt wird. Der Name Shambhala steht für ein mythisches Königreich, das einst im goldenen Zeitalter Indiens existierte und in einem neuen goldenen Zeitalter wieder auferstehen wird. Die Philosophie von Shambhala ist, in wenigen Worten zusammengefasst, dass der Mensch mit der Haltung eines Kriegers durch das Leben geht. Als solcher stellt er sich unerschrocken den Anforderungen des Daseins und beantwortet sie mit den Waffen der buddhistischen Tugenden wie Achtsamkeit, Mitleid, Gegenwärtigkeit, Gewaltfreiheit, usw. Er sucht nicht Hilfe im Außen, bei anderen Menschen oder Institutionen, sondern in sich selbst sucht er die Antworten auf alle Fragen. Chögyam Trungpa hat immer wieder berichtet, dass es auch die Vision von Shambhala war, die ihn die unsäglich schwierigen Bedingungen der neunmonatigen Flucht aus Indien überstehen hat lassen.

Shambhala – eine neue Linie innerhalb der buddhistischen Traditionen

Shambhala_Chögyam TrungpaDie von Chögyam Trungpa begründete Methode buddhistischer Meditation schließt auch die Pflege der Künste mit ein, wie das aus dem Zen-Buddhismus bekannte Ikebana, das Arrangieren von Blumen, oder die Calligraphie, das schöne und bewusste Schreiben. Er verfasste selbst Gedichte, interessierte sich für Fotografie, Komposition und Raumgestaltung.

Über seine Ausstrahlung berichtet die englische Biographie: „Trungpa Rinpoche (buddhistischer Ehrentitiel) wird in weiten Kreisen als Schlüsselfigur anerkannt, welche das buddhadharma im Westen eingeführt hat. In seiner Person verbinden sich eine große Wertschätzung für den Westen mit einem tiefen Verstehen seiner eigenen Tradition. Dies führte ihn zu einem revolutionären Ansatz im Unterricht des dharma, in welchem die ältesten und tiefsten Lehren in einer sorgfältig der gegewärtigen Zeit angemessenen Art präsentiert wurden. Trungpa Rinpoche war bekannt für seine furchtlose Verkündigung des dharma: frei von Zögern, treu zur Tradtition und vollkommen frisch.“

Wie eine dynamische Spirale steigert sich die Biographie Chögyam Trungpas. Der Pionier kommt nicht zur Ruhe, sondern stirbt bereits im Jahr 1987 mit 47 Jahren. Er erleidet einen Herzinfarkt als Folge einer alkoholbedingten Leberzirrhose. Das westliche Leben, für das er sich so engagiert hat, hat ihn also – scheinbar – besiegt. Und doch lässt sich vermuten, dass die Seele Chögyam Trungpas in den Herzen der ihm bis heute zugeneigten Schüler, sowie all derer, die dem Shambhala-Pfad folgen, weiter lebt. In seiner kurzen Schaffensperiode hat er 5000 Vorträge gehalten und über 100 buddhistische Meditationszentren initiiert. Mit Shambhala hat er eine neue Lehrmethode und somit eine neue buddhistische Linie begründet.

Sein Sohn Sakyong Mipham Rinpoche führt diese Linie aber nicht in dogmatisch steifer Form weiter, wie man es sich vielleicht ausgehend von der katholischen Hierarchie vorstellen würde. Er widmet sich seinerseits den Anforderungen der modernen Gesellschaft und verliert dabei nicht die essentiellen Botschaften des tibetischen Buddhismus aus den Augen:

Wenn du dich schlecht fühlen willst, denk an dich selbst – wenn du glücklich sein willst, denk an andere! Kürzer geht es nicht.

Text- und Bildquellen (18-04-14):

chogyamtrunpga.com, chronicleproject.com, wien.shambhala.info, en.wikipedia.org, amazon.at

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