Das orangene Buch, Osho Meditationen

Rezension des Buches mit den Osho Meditationen für das 21. Jahrhundert.

Das orangene Buch, OshoOsho, der sich in seinen Anfangsjahren Bhagwan nannte, dürfte wohl für fast jeden Europäer ein Begriff sein. Dies im positiven wie im negativen Sinn. Der Name Osho ist einem ein Begriff, weil man schon von ihm gehört hat. In den meisten Fällen hat es sich damit aber auch schon getan, der Name bleibt ein bloßer Begriff, mit dem sich noch keine konkrete Vorstellung verbindet.

Was sind die Lehren von Osho? Weshalb wird diese Persönlichkeit in so weiten Kreisen geliebt und in anderen gleichermaßen kritisiert?

Die Osho Meditationen, die sich in dem orangenen Buch befinden, geben einen sehr schönen Einblick in das Denken und das Anliegen von Osho. Es sind weitgehend Anregungen zur Bewusstwerdung sowohl der positiven wie der negativen Seiten des Alltags und der eigenen Persönlichkeit. In vielen seiner Vorschlägen regt Osho die in der indischen Philosophie sogenannte Zeugenhaltung an, sākṣi in Sanskrit. Der Übende soll lernen, ein bloßer Beobachter der Tatsachen zu sein und sich immer weniger mit den Vorkommnissen des Lebens und selbst mit den Charakterzügen der eigenen Persönlichkeit zu identifizieren.

Eine charakteristische Erfindung von Osho ist die von ihm so benannte Katharsis und die dynamische Meditation. Er sagt selbst darüber, dass dies keine Meditation im eigentlichen Sinn darstellt, aber dass er Formen für sinnvoll hält, wo der in Körper und Geist angesammelte Stress abgebaut wird, damit in der Folge frei von Gedanken und entspannt ein meditativer Zustand erfahren werden kann.

Meditationen für morgens, für nachmittags und für abends

Die Anweisungen von Osho für die Meditationen sind relativ genau, manchmal handelt es sich um ein bewusstes Innehalten im Tagesverlauf von wenigen Sekunden und manchmal um eine ausführliche Sequenz von einer Stunde oder mehr. Die berühmte Dynamische Meditation dauert eine Stunde und hat fünf Phasen:

  1. 10 Minuten: Chaotisch durch die Nase atmen, sich dabei auf das Ausatmen konzentrieren und auf diese Art eine Energie im Körper aufbauen, ohne sie bereits nach außen zu lassen.
  2. 10 Minuten: Explodieren, total verrückt schreien, kreischen, heulen, hüpfen, tanzen, lachen oder toben, ohne dass der Kopf sich einmischen darf.
  3. 10 Minuten: Mit erhobenen Armen auf- und abspringen und dabei das Mantra HUH! rufen, aus dem Bauch heraus. „Jedes Mal, wenn du auf deinen Füßen landest, und zwar mit der ganzen Sohle, lasse diesen Ton in dein Sexzentrum hineinhämmern. Gib alles, was du hast, erschöpfe dich total.“
  4. 15 Minuten: „Stopp! Friere auf der Stelle ein, haargenau in der Position, in der du dich gerade befindest. Mach keinerlei Körperkorrekturen. Ein Husten, die kleinste Bewegung oder sonst etwas, und schon fließt die Energie ab und alle Mühe war umsonst. Beobachte alles, was dir passiert.“
  5. 15 Minuten: „Sei ausgelassen, gehe mit der Musik, tanze, drücke deinen Dank an die Schöpfung aus und nimm dein Glücksgefühl mit in den Tag.

Eine Meditation, die Osho für den Nachmittag empfiehlt, ist es beispielsweise, in einer empfänglichen Haltung zu sitzen und nichts zu tun, außer abzuwarten und offen zu sein für das, was passiert.

Ein Beispiel für eine Meditation, die jeweils morgens und abends ausgeführt werden soll, ist die Wiederholung eines Mantra über 20 Minuten hinweg, zum Beispiel das Mantra OM. Dabei soll man sich innerlich ganz mit dem jeweiligen Mantra ausfüllen.

Oft fügt Osho bei seinen Anweisungen auch an, dass man eine bestimmte Übung für mehrere Wochen oder für mehrere Monate machen soll. Damit man nicht verwirrt wird, rät er dazu, jeweils nur eine Form der Meditation auszuwählen und diese so lange zu praktizieren, als man darin einen Sinn empfindet. Auf diese Art schreitet man immer weiter voran und sammelt Erfahrungen.

Meditation ist das Erwachen des inneren Zeugen

Osho_asia-pictures.net

Die Person von Osho ist nicht leicht zu erfassen. Ein geldgieriger Sektenguru, wie es vor allem von kirchlichen Sektenreferenten unterstellt wird, war er aber mit Sicherheit nicht.

Osho verstand seine Aufgabe als einen „Beitrag, die Voraussetzungen für die Entstehung einer neuen Lebensweise zu schaffen.“ Ihm schwebte ein neuer Menschentypus vor, der die irdischen Freuden genauso zu schätzen weiß, wie auch die stille Heiterkeit, wie sie Gautama Buddha vorlebte. Seine Anleitungen zur Meditation fügen sich diesem Anliegen ein. Einmal regt er an, dass man ganz ruhig wird, ein andermal regt er an, dass man „alles aus sich herauslässt.“ Einmal lenkt er die Sicht auf das Positive im Leben, ein andermal fordert er auf, sich die eigene angestaute Wut bewusst zu machen. Das Ziel ist in beiden Fällen das Erwachen des inneren Zeugen.

Schaue nur, beobachte und zentriere dich im Beobachten. Wenn du dort hinkommst, ist alles total – nirgends sonst.

Dieser innere Zeuge ist nach den Lehren des Yoga identisch mit ātman, dem göttlichen und unsterblichen Anteil im Menschen. (1) Osho möchte mit seinen Anregungen für die Meditation zu einem Reinigungsprozess beitragen, damit dieser innere Zeuge sich zeigen kann.

Krishnamurti und Osho im Vergleich

Zwischen den Zeitgenossen Osho und Krishnamurti gibt es einige Parallelen, selbst wenn die beiden sich persönlich vermutlich nie ausgetauscht haben. (2) Beide sind jedoch gebürtige Inder mit westlicher Bildung und beide wehren sie sich gegen die Macht des intellektuellen Denkens, das den westlichen Bürger so stark gefangen hält. Und beide betonen sie schließlich den Wert des unabhängigen und eigenständigen Beobachtens als Möglichkeit, um von den Zwängen des Denkens freier zu werden.

Die Praxis der kathartischen Übungen jedoch war für Krishnamurti ein Element, das seinem Wesenszug zu fremd war, als dass er sie hätte bejahen können. Krishnamurti fand eine andere Methode, um die Menschen aus ihrer gewohnten Bewusstseinshaltung heraus zu reißen. Mit Scharfsinn und Einfühlungsvermögen gleichzeitig fand er denjenigen Punkt in der Psyche des Menschen, der vor ihm stand, den dieser zurück lassen oder überwinden musste, wenn er einen Schritt im Leben weiter kommen wollte, und Krishnamurti scheute als begabter Pädagoge nicht davor, die Menschen mit diesem Aspekt ihres Daseins zu konfrontieren. Osho hingegen war mehr der Psychologe, der die Menschen anleitete, selbst in die Tiefen ihrer Persönlichkeit vorzudringen.

Wohin führt die Osho Meditation?

Das orangene Buch eignet sich in der Summe für all jene Menschen, die sich mit Osho auf das Experiment der persönlichen Erfahrungssuche einlassen wollen. Wer das Anliegen von Osho  im Sinne der Befreiung der Persönlichkeit von dem angesammelten Stress und den störenden Gefühlen versteht, der wird auch den Moment erkennen, wo vielleicht andere, weiterführende Methoden und Übungen bedeutsam werden. Wer jedoch aus Osho einen Guru macht und seinen Anweisungen über Jahre hinweg blind Folge leistet, läuft meines Erachtens Gefahr, das eigene Immunsystem zu erschöpfen. Katharsis kann eine gute und in bestimmten Phasen des Lebens angebrachte Praxis sein, aber der Mensch braucht nicht nur die Reinigung vom Alten, er muss auch zur rechten Zeit neue Ideale, neue Ziele und neue Vorstellungen für das Leben aufbauen.

Spiritueller Wert: 3/5
Praktischer Wert: 5/5

 

(1) Martin Mittwede, Spirituelles Wörterbuch: Sanskrit-Deutsch, Sathya Sai Verlag 2010, ISBN 978-3932957024

(2) http://www.osho.com/de/read/osho/osho-on-topics/j-krishnamurti

Das Buch kann online erworben werden auf Amazon.at, derbuchhaendler.at und Thalia.at.

Osho, Das orangene Buch, die Osho Meditationen für das 21. Jahrhundert, 220 Seiten, Innenwelt Verlag, 21. Auflage 2017, ISBN 978-3-936360-70-7

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