Die Bhagavad Gita, Kapitel 1-6, Maharishi Mahesh Yogi

Kritische Rezension der Übersetzung mit Kommentar zu den ersten sechs Kapiteln der Bhagavad Gita durch den Begründer von TM.

Maharishi Mahesh Yogi_theuncarvedblog.comDer Inder Maharishi Mahesh Yogi (1918 – 2008) hat sich als Begründer der Transzendentalen Meditation weltweit einen Namen gemacht. Weniger bekannt ist die europaweit führende Vermarktung von Ayurveda-Produkten unter der Marke „Maharishi Ayurveda“, und sicher noch weit weniger bekannt sind die beiden Bücher, die aus seiner Hand stammen: „Die Wissenschaft vom Sein und die Kunst des Lebens“ sowie „Die Bhagavad Gita Kapitel 1-6“.

Wer sich ein Bild von dem philosophischen Hintergrund und dem Denkansatz von Maharishi Mahesh Yogi machen möchte, ist mit diesen beiden Büchern jedoch gut beraten. Bereits in der Einleitung zu dem Bhagavadgita-Kommentar bekommt der Leser einen Einblick in das Weltbild Maharishis: demnach bildet das Zwiegespräch zwischen Krishna und Arjuna, das den Inhalt der Bhagavad Gita ausmacht, den Höhepunkt allen philosophischen Denkens in Indien. Auf Krishna folgte Buddha, auf Buddha folgte Shankara und auf Shankara folgte Swami Brahmananda Saraswati, der der Lehrer von Maharishi Mahesh Yogi war und ihm geraten hatte, die Meditation den Menschen des Westens zu lehren.

Zum Inhalt des Kommentars

Den Hauptteil des Buches bildet eine Vers-für-Vers-Übersetzung der ersten 6 von den 18 Kapiteln der Bhagavad Gita mit dem Sanskrittext in der Devanagarischrift sowie der wissenschaftlichen Umschrift, der Übersetzung von Maharishi und seinem anschließenden Kommentar. Traditionellerweise wird jedem Kapitel ein bestimmtes Hauptthema zugeschrieben:

I Der Yoga der Mutlosigkeit Arjunas

II Der Yoga des Wissens – Sankhya-Yoga

III Der Yoga der Handlung – Karma-Yoga

IV Der Yoga des Wissens um die Befreiung im Handeln

V Der Yoga der Handlung und der Befreiung im Handeln – Karma-Sanyasa-Yoga

VI Der Yoga der Meditation – Dhyana-Yoga

Es folgt ein Anhang mit der Erläuterung des Grundprinzips der Transzendentalen Meditation sowie der sechs Systeme der indischen Philosophie und ihrer praktischen Anwendung im Umgang mit philosophischen Texten.

Einige wesentliche Begriffe und ihre Interpretation durch Maharishi Mahesh Yogi

dharma

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dharma hält das Rad der Evolution im harmonischen Schwung

Den Fortgang des Gesprächs zwischen Krishna und Arjuna im Detail zu verfolgen, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Einige wesentliche Begriffe und ihre Interpretation durch Maharishi Mahesh Yogi können aber sicher aufschlussreich sein. So wird im ersten Kapitel der Begriff des dharma eingeführt. Arjuna sagt:

Wird eine Familie zerstört, gehen die uralten Familien-dharmas verloren. Durch den Verlust von Dharma gewinnt Adharma in der ganzen Familie die Oberhand. (I,40)

Maharishi erläutert in diesem Zusammenhang, dass dharma diejenige Kraft ist, die den Weg der Evolution aufrecht erhält und den Fluss des Lebens in Harmonie hält. Arjuna blickt dabei sorgenvoll auf das Familien-dharma und bemerkt aber nicht das viel größere dharma, das ihn in die schwierige Situation einer notwendigen Entscheidung, zu kämpfen oder nicht zu kämpfen, geführt hat. Das a-dharma ist das Fehlen von dharma, das zum Verlust des Gleichgewichts zwischen positiven und negativen Kräften im Vorgang der Evolution führt.

sat

Im zweiten Kapitel erläutert Krishna dem Arjuna die Natur des unsterblichen Seins, das sat in Sanskrit genannt wird und auch so viel wie Wirklichkeit und Realität bedeutet:

Das Unwirkliche (a-sat) existiert nicht, das Wirkliche (sat) hört nie auf zu sein. Die Seher der höchsten Wirklichkeit haben mithin die letztgültige Wahrheit über beide erkannt. (II,16)

Maharishi hebt im Folgenden den Umstand hervor, dass „das allgegenwärtige Sein und der Geist des Menschen keine zwei verschiedenen Entitäten sind“….So wie das Licht der Sonne immer dasselbe bleibt, wenn es sich auch an verschiedenen Objekten in unterschiedlicher Weise spiegelt, so bleibt der universale Geist immer unsterblich und allgegenwärtig und spiegelt sich zugleich im individuellen Nervensystem der Menschen. Je reiner das Nervensystem eines Menschen ist, desto deutlicher spiegelt es dieses Sein und derjenige Mensch besitzt dann einen „mächtigeren Geist und einen leistungsfähigeren Verstand.“

Der Leser stößt hier an einen wesentlichen Unterschied zwischen östlichem Denken, in dem das menschliche Nervensystem eine Spiegelung des unendlichen Geistes darstellt und dem westlichen Denken, in dem das Gehirn den Geist in Form des Gedankens selbst produziert. Für die Meditation spielt es eine große Rolle, bei welcher dieser Vorstellungen der Meditierende ansetzt.

karma

Das dritte Kapitel trägt den Titel Karma-Yoga und karma wird hier in seiner grundsätzlichen Bedeutung des Handelns verstanden. Das Karma-Gesetz von Ursache und Wirkung ist ein anderer Gedanke, der sich aber aus dem Grundverständnis von karma ergibt. Angesichts des damals (ca. 3000 v. Chr.) noch üblichen Ideals von Askese und Entsagung auf dem Weg zur Gottverwirklichung spricht Krishna zu Arjuna:

Weder erreicht ein Mensch Nicht-Handeln (Naishkarmyam), indem er sich der Handlung (karma) enthält, noch erreicht er Vollkommenheit durch bloßes Entsagen. (III,4)

Gemäß den Worten von Maharishi an dieser Stelle besteht die richtige Haltung im Leben darin, zweimal täglich in der Meditation das Transzendentale Bewusstsein aufzusuchen, um anschließend ganz natürlich seinen Aktivitäten im Leben nachzugehen. Je nach Menschentyp seien diese Aktivitäten entweder mehr intellektueller Art und entsprechen mehr einem zurückgezogenen Leben oder sie sind mehr praktischer Art und entsprechen einem Leben im Kreis der Familie. Das Handeln, gedanklich oder praktisch, soll nun ganz natürlich stattfinden und nicht mit spirituellen Bestrebungen vermischt werden. Mit der Zeit würde durch den stetigen Wechsel zwischen Meditation und Handeln das Transzendentale Bewusstsein sich in das Alltagsleben hinein ausdehnen und sich somit zum Kosmischen Bewusstsein ausweiten.

Die Transzendentale Meditation in die Bhagavad Gita hinein interpretiert?

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Arjuna wird zur Erkenntnis der universalen Natur Krishnas geführt

Bei kritischer Lektüre könnte man den Eindruck entwickeln, dass Maharishi Mahesh Yogi die Bhagavad Gita benützt, um seine Methode der Transzendentalen Meditation in die von ewiger Wahrheit geprägten Inhalte hinein zu interpretieren. Es stellt sich die Frage, wie sinnvoll überhaupt das Verfassen eines Kommentares zu einem „heiligen“ Text wie der Bhagavad Gita ist. Ist nicht mit jeder Form eines Kommentars zwangsläufig ein Verwässern und Verblassen der originalen Verse verbunden, die in ihrer reinen Form zwar intellektuell schwer fassbar sind, aber dafür umso mehr direkt die Seele des Menschen berühren?

Auch hierzu kann ein Beispiel aus dem Text angeführt werden. Krishna spricht im vierten Kapitel zu Arjuna:

Befreit von Bindung, Furcht und Zorn, völlig eins geworden mit Mir, in Mir Zuflucht suchend und gereinigt durch die Askese der Weisheit, sind viele zu meinem Sein gelangt. (IV,10)

Maharishi interpretiert „völlig eins geworden mit Mir“ so, dass es die Transzendentale Meditation ist, die den Geist des Menschen zu dem „Zustand des Seins bringt, der die Grundlage des Gottes-Bewusstseins ist“. Kritisch denkend könnte man nun sagen, dass sich damit eine Methode, nämlich die der Transzendentalen Meditation, in das unmittelbare Verhältnis zwischen dem Gottsucher (hier Arjuna) und der göttlichen Erscheinung, verkörpert in Krishna, schiebt.

Unterschiedliche Auffassungen von dem Begriff „transzendent“

Blasendiagramm_Bhagavad Gita Kapitel 1-6, Maharishi Mahesh YogiDie Zeichnung im Anhang des Buches veranschaulicht, welche Vorstellung Maharishi Mahesh Yogi mit dem Begriff „transzendent“ verknüpft. Er wählt das Bild des Meeres, um auszudrücken, dass der Meditierende wie ein auf den Wellen schaukelndes Schiff ist, das sich nun während der Zeit der Meditation in den ruhigen Tiefen des Meeres zu verankern sucht.

„Der Gedanke beginnt in der Tiefe des Bewusstseins – im Unbewusstsein und steigt in das Bewusstsein hoch.“ siehe S. 448

Transzendentale Meditation bedeutet somit, in die Tiefen des Unbewussten vorzudringen in der Annahme, dass dort die „schöpferische Intelligenz“ beheimatet ist, die der Ursprung der Gedanken ist. Nach Maharishi ist also nicht das Gehirn des Menschen der Ursprung der Gedanken, um es noch einmal zu wiederholen. Er erkennt vielmehr einen Prozess, der den Gedanken aus unbewussten Tiefen in das wache Tagesbewusstsein aufsteigen lässt.

Nach der Etymologie bedeutet Transzendenz ein Überschreiten und nach dem westlich-religiösen Verständnis soll damit das Überschreiten „der endlichen Erfahrungswelt auf deren göttlichen Grund hin“ ausgedrückt werden. Maharishi Mahesh Yogi, der sich mit seiner Lehre hauptsächlich an Menschen des Westens wendet, sieht nun den göttlichen Grund im Unbewussten des Menschen und ist somit dem modernen psychologischen Denken sehr nahe.

Aber ist er damit noch dem kosmozentrischen Denken der Bhagavad Gita nahe, die mit aller Kraft den Blick Arjunas auf die kosmische, universale Natur Krishnas lenkt und in diesem Sinn den Begriff des „Selbst“ (ātman) gebraucht? Ist „transzendent“ im Sinne der Bhagavad Gita nicht eher ein Überschreiten des endlichen, persönlichen Bewusstseins auf ein zunächst unfassbares, aber dennoch sehr reales Unendliches hin, das mit dem Sanskritwort paramātman, höchstes Selbst, seine Bezeichnung findet?

Geht die Meditation nach innen oder nach außen?

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Meditation kann nach innen oder nach außen orientiert sein

Für die Meditation erscheinen diese Fragen bedeutsam, denn je nachdem, wie die Antwort ausfällt, entstehen ganz unterschiedliche Herangehensweisen. Maharishi Mahesh Yogi empfiehlt ein zweimal tägliches Nach-Innen-Gehen für eine Zeitdauer von ca. 20 Minuten und im Anschluss ein natürliches Handeln in der Welt, ohne spezielle spirituelle Bestrebungen. Erst ab dem Moment, wo man sich ständig im Bewusstsein transzendentalen Geistes befindet, empfiehlt Maharishi „das Nach-außen-Gehen der Meditation, um den mit Sein durchtränkten Geist hinauszuführen.“

Eine andere denkbare Form der Meditation wäre es nun, wenn man einen oder einige Verse aus der Bhagavad Gita direkt wählt und sich wiederholt in die meditative Betrachtung der Worte vertieft. Diese Meditationsform setzt als Annahme voraus, dass in den Versen dieses heiligen Textes eine tiefere Kraft auf verschlüsselte Weise verborgen ist, die sich aber nach und nach, durch wiederholte Hinwendung aussprechen kann und auf diese Art zu einer Zunahme von Erkenntnis und seelischer Kraft beim Meditierenden führt. Es ist der Aspekt der persönlichen Freiheit, der durch eine solche Herangehensart mehr bewahrt bleibt als im Vergleich durch die Methode der zweimal täglichen Meditation mit Hilfe eines mantra.

Wenn ich auch die Verunglimpfungen von Maharishi als Sektenguru mit bloßer Bereicherungsabsicht als völlig daneben betiteln möchte, so kann aber für den Praktizierenden doch eine feine innere Abhängigkeit zur Methode entstehen, die in gewisser Weise sogar gewünscht ist. Der Moment des Meditierens ist dann wie eine Art Auftanken und Sammeln, um schließlich wieder im Alltag mit seinen vielfältigen Anforderungen bestehen zu können.

Maharishis Bhagavadgita-Kommentar, für wen ist die Lektüre geeignet?

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Maharishi im hohen Alter.

Vielleicht wird aus dem bisher Gesagten schon deutlich, für wen sich die Lektüre des Bhagavadgita-Kommentars von Maharishi Mahesh Yogi zum tieferen Studium empfiehlt: Zunächst einmal für all diejenigen, die bereits die transzendentale Meditation praktizieren und sich für ein umfassenderes Verständnis dieser Methode interessieren. Des weiteren auch für diejenigen, die sich im Hinblick auf die Meditation eine klare, fest umrissenene Methode wünschen. Unabhängig von den Verweisen auf die Transzendentale Meditation finden sich in dem Buch aber auch viele Erläuterungen aus dem traditionellen indischen philosophischen Denken heraus und so kann das Buch auch als eine Hinführung zu wichtigen Begriffen wie karma, dharma, atman, etc. dienen, wenn man einen ersten Kontakt mit östlichem Gedankengut sucht.

Da der Ursprung der Gedanken in diesem Buch grundsätzlich im Unbewussten des Menschen lokalisiert wird, würde ich ihm eher einen psychologischen Wert als einen spirituellen Wert zuerkennen.

Spiritueller Wert 2/5
Praktischer Wert 3/5

 

Maharishi Mahesh Yogi, Die Bhagavad Gita Kapitel 1-6, 480 Seiten, Taschenbuch-Format, J. Kamphausen Verlag 2017, ISBN 978-3-933496-41-6

Das Buch ist online erhältlich bei Amazon.at, derbuchhaendler.at, Thalia.at. Die aktuelle Auflage von 2017 findet sich dabei lediglich bei Thalia.at.

Bildquellen (18-08-19):

theuncarvedblog.com, clipground.com, pixshark.com, wired.com, quotesgram.com

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