Die Kunst des Lebens, William Hart

Rezension der Einführung in Vipassana-Meditation nach S.N.Goenka.

Die Kunst des Lebens, William HartWilliam Hart leitet seit 1982 regelmäßig Vipassana-Kurse in der Tradition von S.N. Goenka in aller Welt. Vipassana ist an sich eine Kunst uralter buddhistischer Meditation, die in vielen südostastiatischen Ländern verbreitet ist. Dennoch kann man sagen, dass der burmesische Lehrer U Ba Khin und noch mehr sein Schüler Satya Narayan Goenka wesentlich zur Verbreitung dieser Tradition im Westen beigetragen haben. Das systematische Vorgehen in 10-Tages-Kursen mit streng geregeltem Ablauf und vielleicht auch der säkulare Charakter der Methode kommen dem westlichen Geist entgegen. Beide, S.N.Goenka und U Ba Khin waren Laien, die mitten im Leben standen und sich dort, in Familie und Beruf um “die Befreiung des Geistes” bemühten und schließlich das erworbene Wissen anderen weitergaben. Dies war dazumal ungewöhnlich, es war an sich das Vorrecht des Mönchsstandes, Meditation zu unterrichen.

William Hart hat es nun 1987 als erster unternommen, die Vipassana-Methode für interessierte westliche Personen in englischer Sprache zu beschreiben. 1996 erfolgte die Übersetzung ins Deutsche durch Heinz Bartsch, damals Vorsitzender der deutschen Vipassana-Vereinigung. Seitdem wird das Buch immer wieder unverändert neu aufgelegt. Das zeigt seinen hohen Informationswert und seine gute Qualität.

Die Kunst, das Leben in seiner Tiefe selbst zu erfahren

Nach den Vorworten von S.N.Goenka und William Hart erfolgt eine Einleitung, in der das Problem angesprochen wird, dass jeder eigene praktische Erfahrungen im Leben machen muss, um vorwärts zu kommen. Nur Übernommenes oder Angelerntes wird auf die Dauer des gesamten Lebenslaufes gesehen nicht ausreichen.

Der Hauptteil des Buches ist in 10 Kapitel untergliedert. Sie stellen aber nicht den Ablauf des 10-Tages-Kurs vor, sondern der Autor versucht, von Kapitel zu Kapitel voranschreitend, den Weg mit Vipassana-Meditation zu beschreiben. Jedes Kapitel gliedert sich wiederum in einen beschreibenden Teil, in einen Frage-Antwort-Teil, der aus Kursen von S.N.Goenka übernommen wurde und eine kleine Erzählung, wie sie S.N. Goenka ebenfalls bei den abendlichen Vorträgen gerne erzählt hat. Im Anhang am Ende des Buches finden sich Textauszüge aus den Lehrreden des Buddha, die sich auf die Praxis der Innenschau beziehen. Ein Glossar der Begriffe aus der Pali-Sprache und eine Sammlung von internationalen Adressen zur Vipassana-Meditation schließen das Buch ab.

Reinigung des Geistes und freudiger Gleichmut

dhammawheel_austria.dhamma.orgIn aller Kürze zusammengefasst, sind die ersten Schritte auf dem Weg der Meditation diejenigen, dass der Geist ruhiger wird, was vor allem durch die ruhige aufmerksame Konzentration auf den Atem möglich wird. In einem nächsten Schritt beobachtet der Übende in einer geordneten Reihenfolge die Empfindungen, die ihm sein Körper widerspiegelt. Unangenehme Empfindungen werden dabei möglichst neutral beobachtet, was dazu führt, dass sie sich nach und nach auflösen. Gewöhnlich treten dann aber andere, vielleicht tiefer liegende positive oder negative Empfindungen an die Stelle. Dieser Prozess des Beobachtens wie von außen stellt eine Art Reinigung von allen aufgespeicherten und angesammelten Erfahrungen dar.

Nach einiger Zeit können dann Momente tiefer Ruhe und freudiger Gelassenheit eintreten, die aber zunächst nicht von Dauer sind, sondern ebenfalls erst mit langer ausdauernder Übung immer mehr sich auch im Alltag niederschlagen. Wenn es gelingt, diesen Zustand freudigen Gleichmuts im ganzen Leben auf natürliche Weise aufrecht zu erhalten, ohne den Ereignissen zu entfliehen, dann ist man bereits sehr weit fortgeschritten und wird viel Positives in seinem Umfeld beitragen.

Einsicht in die Vergänglichkeit allen Seins

Die Ernsthaftigkeit im Voranschreiten, die allerdings erforderlich scheint, von 2 Stunden täglichem Üben über Jahre und ein gesamtes Leben hinweg, scheint mir in der Gegenwart für die meisten Menschen nicht erfüllbar zu sein. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen heute in ihrer seelischen Konfiguration schon zu sehr geschwächt sind, als dass sie in dieser konsequenten und ausdauernden Bemühung in eine Meditationspraxis einsteigen könnten.

Mit diesem Eindruck einher geht eine grundsätzliche Kritik am Buddhismus in der Weise, dass es dort keine Idee des Ich des Menschen im Sinne eines unvergänglichen ewigen Teiles, als ein die verschiedenen Inkarnationen überdauernder göttlicher Kern gibt. Die Einsicht in die Vergänglichkeit allen Seins ist sicher ein sehr wertvoller Erkenntnisschritt, der vor mancherlei Ausschweifungen im Leben bewahren kann. Mit Blick auf die Zeitgeschehnisse der Gegenwart scheint es aber, als ob gerade heute individuell agierende Menschen, die das egoistische “niedere Ich” ein Stück weit zu einem vornehmeren “höheren Ich” verwandelt haben, gebraucht werden. Interessanterweise widmet sich die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Buddhismus aktuell“ (3/2017) genau diesem Thema mit der Frage „Wer bin ich?“

Spiritueller Wert 3/5
Praktischer Wert 5/5

 

Das Buch ist online erhältlich bei Amazon.at, derbuchhaendler.at, Thalia.at. Es ist auch als ebook verfügbar.

William Hart, Die Kunst des Lebens, Vipassana-Meditation nach S.N.Goenka, 208 Seiten, Taschenbuch, dtv-Verlag, 6.Auflage 2006, ISBN 978-342334338.

Bildquellen (17-09-03): Amazon, austria.dhamma.org

2 Kommentare:

  1. Ich möchte gerne zu zwei Punkten am Ende dieser Rezension Stellung nehmen:
    a. 2 Stunden tägliches Üben – Sicher schaffen das nicht sehr viele Teilnehmer der Vipassana-Kurse, aber selbst diejenigen, die weniger zu Hause meditieren, machen die Erfahrung, dass es positive Auswirkungen hat. Der Buddha sagte: „Keine Bemühung auf dem Weg geht verloren.“ Mit der Erfahrung, dass auch weniger tägliche Meditation schon was bringt, wächst in vielen Fällen auch die Motivation sich den empfohlenen 2 Stunden täglich nach und nach anzunähern, besonders wenn man – wie ebenfalls empfohlen – einmal jährlich einen erneuten Vipassanna-Intensiv-Kurs zum Auffrischen macht.
    b. Die Sache mit dem „Ich“ – Der Buddha lehrte, dass es ein „Ich“, so wie wir es uns normalerweise denken (als unvergänglicher Kern unseres Wesens), nicht geben kann, denn alles in dieser Welt, einschließlich unser Geist, sei unbeständig. Das war seine Erfahrung in der Meditation. Allerdings hatte der Buddha ohne Zweifel auch ein gesundes und starkes „Ich“ im Sinne eines guten Selbstbewusstseins und starken Geistes, sonst hätte er sich nicht so erfolgreich den alltäglichen Herausforderungen seiner Zeit stellen können. Genauso benötigt jeder Teilnehmer eines Vipassana-Kurses nach S.N.Goenka ein solches gesundes „Ich“ – Menschen, die unter akuten psychischen Problemen leiden und aus diesem Grund große Probleme haben, ihren Alltag zu bewältigen, wird daher auch abgeraten, in dieser Situation an einem Vipassana-Kurs teilzunehmen. Gleichzeitig lernt man in einem Kurs und erfährt es selbst in der Meditation, dass es ein „Ich“ in dem üblich gedachten Sinn (als unvergänglicher Kern unseres Wesens) nicht wirklich geben kann. Die Aufgabe als Meditierender ist daher ein Leben im „sowohl als auch“, das heißt: ein gesundes, starkes „Ich“ zu bewahren, um im Alltag gut klarzukommen und stark genug zu sein, sich für positive Dinge mit allem Selbstbewusstsein zu engagieren, gleichzeitig sollte man sich dabei aber bewusst sein, dass dieses äußere „Ich“, so sehr wir es im menschlichen Leben weiter benötigen, in seiner Essenz unbeständig, leidvoll und letztlich eine Illusion ist, was wir durch eigene Erfahrung in der Meditation auch immer wieder bestätigt bekommen. Teilnehmer der Vipassana-Kurse nach S.N.Goenka lernen genau das, nämlich beides in ihrem Leben zu realisieren. Die Erfahrung vieler Meditierender zeigt, dass man diese „Zweigleisigkeit“ durchaus gut leben kann und das beide Aspekte sich gegenseitig unterstützen können – so wie es der Buddha vorgemacht hat.

  2. Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Kommentar. In dem Punkt stimme ich ganz mit Ihnen überein, dass man den unvergänglichen Kern des eigenen Wesens paradoxerweise nicht in sich selbst finden kann. Im Gegenteil, wer ehrlich auf sich selbst blickt, muss sich immer wieder die Unbeständigkeit seiner eigenen Natur eingestehen. Selbst die oft als spirituell interpretierten Erfahrungen von kraftvoller, energetischer Zentrierung oder von freudigen Hochgefühlen sind normalerweise nicht auf Dauer angelegt. Klar ist für mich auch, dass die Meditation für psychisch kranke oder sehr labile Menschen nicht angesagt ist, denn es braucht schon eine gute Bewusstseinskraft, um sich mit den persönlichen negativen Anteilen zu konfrontieren.

    Es bleibt meiner Ansicht nach dennoch die Frage nach dem Wesen des Unvergänglichen im gesamten menschlichen Dasein offen. Denn gäbe es nicht eine Art ewigen Urgrund – welchen Namen man diesem auch immer beilegen möchte – innerhalb all der verschiedenen Inkarnationen, so wäre es um die Werte im menschlichen Dasein schlecht bestellt und der Mensch müsste geradezu ein Weltenflüchtender werden. Mein persönlicher Hintergrund ist die vergleichende Religionswissenschaft und von daher ist mir bekannt, dass bei genauerem Hinsehen sich oft die Gemeinsamkeiten im Verständnis entdecken lassen, während die Unterschiedlichkeiten vielfach von einer unterschiedlichen Verwendung der Begriffe herrühren.

    Ich habe deshalb in dem Buch „Die Kunst des Lebens“ noch einmal die Stelle über die endgültige Befreiung aufgeschlagen. Dort wird der Buddha folgendermaßen zitiert: „Es gibt ein Nichtgeborenes, Nichtgewordenes, Nichtgeschaffenes, Nichtkonditioniertes. Gäbe es kein Nichtgeborenes, Nichtgewordenes, Nichtgeschaffenes, Nichtkonditioniertes, so würde man keine Erlösung vom Geborenen, Gewordenen, Geschaffenen, Konditionierten kennen. Aber da es ein Nichtgeborenes, Nichtgewordenes, Nichtgeschaffenes, Nichtkonditioniertes gibt, deshalb kennt man auch eine Erlösung vom Geborenen, Gewordenen, Geschaffenen, Konditionierten.“

    Dieses Nichtgeborene möchte ich im Sinne der Yoga-Terminologie als das sogenannte Höhere Ich, den paratman des Menschen bezeichnen. Wenn er/es auch mit Worten nicht beschrieben werden kann, so ist er/es doch der unmittelbaren Erfahrung im einzelnen Menschen zugänglich. Wenn jemand zum Beispiel auf seinem Weg mit der Meditation die Qualitäten von Mitgefühl und Anteilnahme für alle Wesen entwickelt, so wäre dies nach meinem Verständnis ein Ausdruck dafür, dass dieses Ungeschaffene im Menschen eine wahrnehmbare Gestalt annimmt. Solch ein Wert, den man sich über die erbliche Konstitution hinaus erworben hat, kann meiner Ansicht nach nicht vergehen, sondern muss über die jetzige Inkarnation hinweg Bestand haben.

    Interessanterweise wird genau dieser Prozess auf dem Buchrücken der Deutschen Erstausgabe von „Die Kunst des Lebens“ zitiert: „…Illusionen lösen sich auf und die natürlichen Qualitäten des Geistes entwickeln sich: Liebe, Mitgefühl, Freude und Gelassenheit.“

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