Eckhart Tolle, Sri Aurobindo, von A.S.Dalal

Eckhart Tolle, Sri Aurobindo – Texte, Begegnungen und Gespräche mit A.S. Dalal

Eckhart Tolle, Sri Aurobindo, A.S. DalalRezension der vergleichenden Betrachtungen zwischen den Lehren von Eckhart Tolle und Sri Aurobindo. Ein neues Denken, Ein neuer Mensch, Eine neue Welt – dies sind die positiven Ideen, die der Autor des vorliegenden Werkes A.S. Dalal sowohl in den Lehren von Eckhart Tolle als auch bei Sri Aurobindo findet. Der Autor studierte nach einer spirituellen Orientierungsphase in der Jugend über 50 Jahre lang die Inhalte von Sri Aurobindos Werken. Als er darüber hinaus Eckhart Tolle begegnete, war er fasziniert von dessen psychologischen Einsichten und entwickelte die Idee dieses Buches. Ein erster Entwurf wurde vollständig verworfen, bis schließlich die vergleichende Darstellung zu den Inhalten beider spiritueller Lehrer entstand. Die indische Originalausgabe trägt den Titel: Two Perspectives on Enlightenment.

Zwei Perspektiven zur Erleuchtung

Der Autor stellt zunächst einige spezielle Begriffe und wichtige Konzepte aus dem Sprachgebrauch von Eckhart Tolle vor wie Etikettierung, Mentaler Lärm, Schmerzkörper, Gegenwärtigkeit und andere. Es folgt ein Interview mit Eckhart Tolle, wo er ihm gezielte Fragen zum Verständnis dieser Begriffe stellt. Nach einem Abschnitt mit Texten Sri Aurobindos über das “Betrachter-Bewusstsein” geht es im Hauptteil des Buches um die vergleichende Betrachtung der beiden Lehren. Den Abschluss bilden erste Einsichten des Autors, die ihm während der Arbeit an dem Buch gekommen sind, sowie eine kurze Präsentation der Personen, Sri Aurobindo, Die Mutter, Eckhart Tolle und A.S. Dalal.

An dem Buch ist mir zunächst einmal der ungewöhnliche Titel aufgefallen: Eckhart Tolle und Sri Aurobindo. Wie kann man zwei – nach meiner Ansicht so unterschiedliche Lehren in einem Buch präsentieren? Diese Frage, die sich mir bei der Entdeckung des Buches stellte, hat eine unerwartete Antwort erhalten. Aber der Reihe nach. Zunächst möchte ich aus dem Hauptteil des Buches drei wesentliche Konzepte und ihre Veranschaulichung herausgreifen.

Was ist das Selbst des Menschen?

Eckhart Tolle_wikipedia

Eckhart Tolle

Sein ist dein tiefstes Selbst”, sagt Eckhart; Sein ist “das ewig gegenwärtige Ich bin jenseits von Name und Form”. Das Selbst mit Name und Form – das Ego – ist ein Ersatz für das wahre Selbst, das “im Sein wurzelt”….während Eckhart vom Sein als einem unpersönlichen Unmanifestierten spricht, ist Sri Aurobindos Erleben des Göttlichen das des Höchsten Seins, das jenseits sowohl des Persönlichen als auch des Unpersönlichen ist.

….Dieser Gott ist nicht das abstrakte Absolute des Philosophen. …[Er ist] der Gebieter unseres Wirkens, der Freund und Liebende unserer Seele, der vertraute Geist unseres Lebens, der in unserem Innern und über uns wohnende Herr all unseres personalen und apersonalen Selbst und unserer Natur…(S. 119/120)

Welche Rolle spielt das Denken für die spirituelle Entwicklung?

Für Eckhart ist der Verstand aus spiritueller Sicht die Abwesenheit von Bewusstsein. Mit dem Verstandesdenken identifiziert zu sein heißt, unbewusst zu sein; es heißt, nicht gegenwärtig zu sein…(s.128)

Sri Aurobindo trifft hingegen zunächst eine Grundunterscheidung von Vital und Mental und schreibt: Die meisten Menschen leben im Vital. Das bedeutet, dass sie in ihren Wünschen, Wahrnehmungen, Emotionen und vitalen Vorstellungen leben und alles von diesem Standpunkt aus betrachten, erfahren und beurteilen. Es ist das Vital, wovon sie beherrscht werden, und das Mental ist sein Diener und nicht sein Herr….Nur eine Minderheit von Menschen lebt im Mental oder in der Seele oder macht den Versuch, auf der spirituellen Ebene zu leben.…A.S. Dalal fährt fort zu erläutern: Weil das mentale Bewusstsein eine höhere oder weiter entwickelte Bewusstseinsstufe darstellt als die des vitalen, …wird das Mental im Yoga nicht nur als ein nützliches, soindern auch in mancher Hinsicht unverzichtbares Werkzeug betrachtet – bis es durch ein höheres oder tieferes Bewusstsein ersetzt werden kann. (S. 130/131)

Der Weg der Bemühung und der Weg der Hingabe

Erleuchtung ist, laut Eckhart, nichts, das man geschehen machen kann, sondern fast das Gegenteil – etwas, dessen Eintreten man zulässt….Die Praxis, die Eckhart lehrt, könnte man folgendermaßen zusammenfassen: Bleibe immer präsent. Bleibe wach. Gib Aufmerksamkeit nur auf den jetzigen Augenblick. Beobachte alles, was in dir geschieht, als ein unbeteiligter Zeuge deiner Gedanken und Gefühle. Werde dir auch des Bewusstseins gewahr, das beobachtet. Kultiviere ein Gewahrsein ohne Gedanken, das nichts etikettiert oder analysiert, was du im Inneren oder Äußeren wahrnimmst. Akzeptiere alles, was du in dir beobachtest. Lasse alles zu, was in deinem äußeren Leben geschieht. Gib Widerstand auf. Sage ja zu allem, was ist. Erlaube der Kraft des Jetzt, dich zu transformieren. (S. 156/157)

Sri Aurobindo_wikipedia

Sri Aurobindo

Während Eckhart alle Praxis dem Wirken einer höheren Macht zuschreibt – der Macht der Präsenz – , ist persönliche Anstrengung in Sri Aurobindos Sicht unerlässlich…[Er schreibt:] Im frühen Stadium der Sadhana (= spiritueller Übungsweg) – und mit früh meine ich eine lange Zeitspanne – ist die Bemühung unerlässlich. Hingabe natürlich auch, doch ist Hingabe nicht etwas, das an einem Tage möglich ist….Die persönliche Bemühung muss fortschreitend in eine Bewegung der Göttlichen Kraft umgewandelt werden. (S. 159/160)

Es ist beeindruckend, wie vorurteilsfrei der Autor die unterschiedlichen Aspekte in den Lehren von Eckhart Tolle und Sri Aurobindo benennt. Natürlich gibt es auch Übereinstimmungen wie die Betonung des sogenannten Betrachter-Bewusstseins. Diese, im Sanskrit mit sākṣī benannte Haltung eines unbeteiligten Zeugen gegenüber den persönlichen Regungen wie auch gegenüber den äußeren Geschehnissen ist wie eine Art Grundvoraussetzung für den spirituellen Weg, sowohl für Eckhart Tolle wie für Sri Aurobindo.

Ein schönes Einfühlen in das Anliegen von Sri Aurobindo

Vielleicht ist es einfach eine Folge des Umstands, dass Eckhart Tolle seine Konzepte weniger ins konkrete Detail ausführt als Sri Aurobindo, dass letzterem im gesamten Vergleich ein wesentlich größerer Rahmen eingeräumt wird. Das Buch ist durchaus eine gelungene Einführung zu beiden Lehren. Vielleicht liegt es aber an dem Umstand, dass sich bei Sri Aurobindo die geistige Heimat des Herausgebers befindet. Jedenfalls bleibt nach meiner Ansicht als Gesamteindruck ein sehr schönes Einfühlen in das Anliegen von Sri Aurobindo gerade anhand der Gegenüberstellung zu Eckhart Tolle. Ich würde deshalb sagen, A.S. Dalal hat den Umweg über Eckhart Tolle genommen, der ihm als Gesprächspartner dazu verholfen hat, den eigenen Hintergrund mit den oft anspruchsvollen und schwierigen Lehren von Sri Aurobindo besser zu erfassen. Dies ist meine überraschende Antwort auf die Frage, wie es denn gehen kann, zwei so verschiedene Lehren in einem Buch zu vereinen. Es geht. Und es kann auch sicherlich dem Leser zu einem Wachstumsprozess gereichen, so wie es für den Herausgeber selbst der Fall war.

Spiritueller Wert 5/5
Praktischer Wert 2/5

 

A.S. Dalal (Herausgeber), Eckhart Tolle, Sri Aurobindo – Ein neues Denken, Ein neuer Mensch, Eine neue Welt, 250 Seiten, Taschenbuch, Aquamarin Verlag, 2. Auflage 2013, ISBN 978-3894276140.

Das Buch kann online erworben werden bei Amazon.at, derbuchhaendler.at, Thalia.at.

Bildquellen (19-02-08): Amazon, Wikipedia

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