Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita, Heinz Grill

Nach der Rezension über die „Einführung in die Bhagavadgita“ von Wilfried Huchzermeyer folgt hier die Besprechung einer weiteren Hinführung zu der zeitlosen Schrift, die seit Jahrtausenden viele religiöse Gemüter inspiriert.

Heinz Grill, Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad GitaIm Unterschied zu dem historisch-phänomenologischen Ansatz des Indologen Huchzermeyer basieren die Ausführungen von Heinz Grill auf der intensiven personalen Auseinandersetzung mit dem Werk und einem daraus resultierenden sogenannten „imaginativen Schauvermögen“.

Die Imagination als ein geschultes hellsichtiges Schauvermögen

Zur Person von Heinz Grill gibt es bereits einige Beiträge auf meiner Webseite, so dass ich mich hier kurz fassen und vielmehr auf den aus theosophischen und anthroposophischen Kreisen stammenden Begriff der „Imagination“ eingehen möchte. Da der Begriff über die genannten Kreise hinaus sehr wenig bekannt ist, möchte ich im folgenden einen ganzen Abschnitt aus dem Buch zitieren. So kann sich der Leser leichter ein Bild davon machen, mit welcher Art von Lektüre er es hier zu tun hat:

Die Worte, die von mir zur Annäherung und Erkenntnis der Bhagavad Gita gegeben werden, entsprechen einer ganz anderen Methode als die Exegese¹. Auch sind sie nicht von anderen Lehrern übernommen. Sie sind gewonnen aus dem direkten Hineinschauen und aus dem Hineinfühlen in die Schrift. Die physischen Augen und die intellektuelle Analyse weichen einer unmittelbaren Betrachtungsweise, die in sich eine konzentrierte und integrale Wahrheitsvision eröffnet, so dass dieses ehemalige Gut wieder mehr in die Gegenwart rückt und durch die Worte so in einem neuen, verständlicheren Sinn erwachen kann. Durch die Gabe der Imagination, des Schauens der inneren, wesenhaften Wahrheit, rücken die Worte etwas näher an unser mentales Bewusstsein heran. Dieses Schauen beruht aber nicht auf einer bloß intellektuellen Forschungsarbeit, sondern auf unmittelbarer Schau² . Es werden bestimmte Verse herausgegriffen, ein bestimmter Charakter wird herausgearbeitet und so klar und einfühlsam wie möglich in der Gesamtsicht aus dem Geistigen verlebendigt. Da aber nur einzelne Verse herausgenomen werden, entstehen natürlich immer bloß Teile. Es kann nicht jeder Vers herausgearbeitet werden, es kann nicht alles in umfassender Weise dargestellt werden; denn wenn man einmal hineinschaut in diese geistige Welt und einen Vers oder einen Teilbereich ergründet, dann kommt man sofort auf fünzig weitere Bereiche, die im Zusammenhang dazu anknüpfen. Und so ist es nur möglich, in der Wiedergabe gewisse Teile aus der Gesamtsicht heranzuführen, damit sie so zu einer Hilfe und zu einer Verwandlung des Denkens allgemein beitragen.³

In der Folge führt der Autor anhand ausgewählter wichtiger Verse  den Leser durch die Thematik der Bhagavadgita.4 Zu beachten ist in der Gesamtkomposition des Werkes auch, dass es sich bei den ersten sechs Kapiteln um einen Vortragszyklus handelt, der vom 28.10. bis zum 2.11.1995 stattgefunden hat. Das letzte Kapitel hingegen ist ein Vortrag, der vom Autro drei Jahre später, am 17.6.1998 in Zürich gehalten wurde. Am Ende des Buches finden sich die Übersetzungen ausgewählter Verse, ein Begriffs-Glossar und einige Anmerkungen, die Bezüge zur christlichen Bibeloffenbarung herstellen. Seit der 2. Auflage ist dem Buch eine Audio-CD beigefügt, in der Heinz Grill das gesamte 2. Kapitel der Bhagavad Gita in Sanskrit rezitiert.

Die Bedeutung des Opfers einst und heute

In der gesamten Komposition der Vorträge stellt der Autor immer wieder den “östlichen Pfad des Yoga“ dem „westlichen Pfad der Nachfolge Christi“ gegenüber. Der ganze erste Vortrag ist sogar dieser Thematik gewidmet. Da die Bhagavad Gita, der Gesang des Erhabenen – wie die wörtliche Übersetzung des Titels lautet – , dem westlich erzogenen Menschen mental zunächst einmal sehr fern steht, ist diese vergleichende Art der Hinführung äußerst hilfreich für ein besseres Einfühlungsvermögen in den Text. Das zweite Kapitel und somit der zweite Vortrag ist der Darstellung der zentralen Figuren Arjuna und Krishna gewidmet. Arjuna ist der sündlose Krieger von edlem Charakter, der mit der anstehenden Schlacht in eine persönliche Krise und an eine Grenzsituation in seinem Leben stößt. Krishna ist der göttliche Wagenlenker, der voller höchster Weisheit Arjuna nach und nach die Prinzipien des höchsten Yoga offenbart, bis dieser aus sich selbst heraus zur Erkenntnis der göttlichen Natur Krishnas kommt.

Der dritte Vortrag widmet sich dem Begriff des Opfers, der ein sehr wichtiger Begriff in der Bhagavad Gita und darüber hinaus für die ganze vedische Kultur ist. In unserer gegenwärtigen Zeit verbindet man mit „Opfer“ hingegen eher ein unangenehmes Gefühl, entweder weil man nicht gerne etwas von sich hergeben möchte oder weil man an die in manchen vergangenen Kulturen üblichen Tieropfer denkt und diese aus Tierliebe ablehnt. Beispielhaft für weitere Begriffe wie „Wiedergeburt“, „Tag und Nacht“, „Vision“, „Krishna und Christus“, „die Schwelle zur geistigen Welt“ soll im folgenden einmal die Schilderung des Opfergedankens gemäß den Ausführungen des Autors wiedergegeben werden.

durga-puja, sahapedia.org

Puja-Verehrungszeremonie als Überrest der vedischen Opfertradition.

Der Autor erläutert, wie in der vedischen Kultur das Opfern eines Gegenstandes im Opferfeuer bedeutungsvoll war. Er schildert, wie die Menschen damals auf eine unbewusst hellsichtige Weise erlebten, dass mit dem Rauch des Opferfeuers auch bestimmte Wesen aufsteigen und somit erlebten sie einen unmittelbaren Vergeistigungsprozess von etwas Materiellem zu dem wesenhaft Geistigen, das der Materie innewohnt. Mit der Bhagavad Gita klingt eine neue Kulturepoche heran, da der Mensch langsam ein Selbstbewusstsein entwickelt, das er in der früheren vedischen Zeit noch nicht besessen hat. Mit dem Selbstbewusstsein kommt aber auch die Möglichkeit eines verkehrten Ich-Anspruches. Damit bekommt der Opfergedanke einen neuen Sinn, indem er auf die Person selbst bezogen wird. Und so sagt Krishna zu Arjuna:

Handle, aber begehre die Früchte nicht. Sieh die Handlung, erkenne die Notwendigkeit des Arbeitens oder des Kämpfens, aber suche nicht nach dem Erfolg der Handlung. (II,47)

Wie diese Art freie Handlungskraft eine neue Form des Opfers darstellt, die mehr Sinn macht als ein gegenständliches Opfer, wird nun von Heinz Grill folgendermaßen dargelegt:

Wir sehen, wie mit dem Opfer ein Raum geschaffen wird, den wir als Konzentration bezeichnen. … Aus unaufdringlichen, wirklichen Konzentrationsübungen folgt das Zurückweichen der Aufdringlichkeit des personalen, noch getrennten Willens. Der ganze Mensch weicht angenehm zurück. Ein Zeichen der gelebten Religion ist dieses Zurückweichen. Das Zurückweichen durch Arbeit und Konzentration führt nicht in eine unnatürlich aufgesetzte Frömmigkeit und nicht in eine falsche Demut und Bescheidenheit, sondern es führt zu gelebter Unaufdringlichkeit, Klarheit und Reinheit. Wenn nun dieses Zurückweichen, diese Unaufdringlichkeit besteht, so ist damit ein weiter Raum gegeben, der den Handlungen jenen Charakter der Freiheit schenkt. Diese ist die Wirkung des Opfers in brahman.5

Die zeitlose Inspiration der Bhagavad Gita

Hier stellt der Autor erneut einen Bezug zum Christentum her und weist auf das Opfer des Christus hin, der sein ganzes Leben hingegeben hat. Eine moderne zeitgemäße Form des Opfers sei es sinngemäß, wenn man den persönlichen Ich-Anspruch an die Handlungen und Aktivitäten, die man im Leben vollbringt, auch sogar an bestimmte Erkenntnisse, die man sich erworben hat, opfert und loslässt. Mir scheint, dass durch diese Art der Veranschaulichung ein Begriff wie das „Opfer“ auch heute noch einen tiefen Sinn erfüllen kann.

Der Autor wendet sich mit seinen Ausführungen vor allem an Zuhörer, bzw. Leser, die sich mit geistiger Schulung befassen. Aber auch für den interessierten Yoga-Praktizierenden oder auch den Indienreisenden ist das Buch eine wertvolle Lektüre. Die Sprache ist nicht kompliziert und der Leser kommt in die Lage, dass er einen Bezug zur Bhagavad Gita knüpfen und diese als tiefe und wertvolle Schrift schätzen lernen kann.

Der Leser braucht allerdings eine gewisse Bereitschaft, sich auf die Art der imaginativen Darstellung einzulassen und darf nicht bloß Informationen konsumieren wollen, will er nicht von der Lektüre enttäuscht werden.

Wenn auch die Vorträge bereits vor etwa 25 Jahren gehalten wurden, so scheint es sich mir doch um ein Buch zu handeln, das einen speziellen Zugang zur Bhagavad Gita eröffnet und deshalb an Aktualität nicht verloren hat. In diesem Sinne handelt es sich mehr um eine spirituelle Lektüre als um einen Sachtext.

Spiritueller Wert 5/5
Praktischer Wert 2/5

 

Anmerkungen und Seitenverweise:

(1) Als Exegese wird die historisch-kritische Auslegung der Bibel bezeichnet.

(2) Als „imaginatives Schauen“ wird eine Form der Hellsichtigkeit bezeichnet, die man durch geistige Schulung erwerben kann.

(3) S. 48/49

(4) Bei der Bhagavad Gita handelt es sich um eine Dichtung, die im klassischen Sanskritversmaß, dem Shloka, verfasst ist, ähnlich wie die griechischen Heldenepen von Homer.

(5) Brahman ist die Bezeichnung für die höchsten geistigen Schöpferwelten, die im Christentum mit dem Vatergott benannt werden. (Textstelle S. 59)

 

Heinz Grill, Erkenntnisgrundlagen zur Bhagavad Gita, Der östliche Pfad des Yoga und der westliche Pfad der Nachfolge Christi, Taschenbuch, 185 Seiten, Lammers-Koll-Verlag 2003, ISBN 393592562X

Das Buch kann online bestellt werden über, suedwind-buchwelt.at, Amazon.at, stw-verlag.de

Bildnachweis (21-01-28): Beitragsbild-suedwind-buchwelt.at, Durga-Puja-sahapedia.org

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