Haben oder Sein, Erich Fromm

Rezension des brandaktuellen Klassikers über die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft.

Haben oder Sein, Erich FrommDer Philosoph, Sozialpsychologe und Psychoanalytiker Erich Fromm (1900 – 1980) gehört nach Wikipedia zu den bedeutendsten Denkern des 20. Jahrhunderts. Und in der Tat, wer hat heute noch nichts von seinen wichtigsten Buchtiteln „Die Kunst des Liebens“ und „Haben oder Sein“ gehört? Vor allem das 1976 erschienene Werk „Haben oder Sein“ liest sich im Kontext der Zeitgeschichte so als ob es topaktuell gerade für die wichtige Fragen der Gegenwart geschrieben worden wäre. Auf der Suche nach der Ursache für die Coronakrise und die bevorstehende Wirtschaftskrise klingt die Zeitanalyse und Beobachtung von Erich Fromm so aktuell, dass man sich fragen möchte, warum es nicht gelungen ist, in den vergangenen 44 Jahren dem vorhergesehenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruch etwas entgegenzusetzen.

Das Werk gliedert sich in die drei Abschnitte, zunächst ZUM VERTSTÄNDNIS DES UNTERSCHIEDS ZWISCHEN HABEN UND SEIN, dann zu einer ANALYSE DER GRUNDLEGENDEN UNTERSCHIEDE ZWISCHEN DEN BEIDEN EXISTENZWEISEN und schließlich über DEN NEUEN MENSCHEN UND DIE NEUE GESELLSCHAFT. Den Unterschied zwischen der Existenzweise des Habens und der des Seins erläutert Fromm sowohl anhand der konkreten Lebenswelt im Alltäglichen als auch an den historischen Beispielen der Bibel und Meister Eckharts.¹

In den einführenden Kapiteln geht der Autor auch kurz auf linguistische und etymologische Aspekte der Worte „Haben“ und „Sein“ ein und erwähnt, dass es mehr Sprachen gibt, die Besitz in der Weise „es ist mir“ ausdrücken (wie z.B. das Hebräische), als durch „ich habe“. Er weist in diesem Zusammenhang auf die Beobachtung von Emile Benveniste² hin, „dass in der Entwicklung vieler Sprachen die Konstruktion „es ist mir“ später durch die Konstruktion „ich habe“ ersetzt wird, während eine umgekehrte Entwicklung nicht festzustellen ist. Diese Tatsache scheint darauf hinzudeuten, dass sich das Wort „haben“ in Zusammenhang mit der Entstehung des Privateigentums entwickelt, wärhend es nicht in Gesellschaften mit funktionalem Eigentum, das heißt Eigentum für den Gebrauch, vorkommt.“

„Haben“ und „Sein“ als unterschiedliche Existenzweisen des Menschen

Was den Unterschied zwischen den Existenzweisen des Habens und des Seins betrifft, so gibt es zum Beispiel im Hinblick auf das Lernen laut Fromm für „Studenten in der Existenzweise des Habens nur ein Ziel: das „Gelernte“ festzuhalten, entweder indem sie es ihrem Gedächtnis einprägen oder indem sie ihre Aufzeichnungen sorgsam hüten. Sie brauchen nichts Neues zu schaffen oder hervorzubringen. Der „Habentypus“ fühlt sich in der Tat durch neue Ideen oder Gedanken über sein Thema eher beunruhigt, denn das Neue stellt die Summe der Informationen in Frage, die er bereits hat. Für einen Menschen, für den das Haben die Hauptform seiner Bezogenheit zur Welt ist, sind Gedanken, die nicht leicht aufgeschrieben und festgehalten werden können, furchterregend, wie alles, was wächst, sich verändert und sich somit der Kontrolle entzieht.

Für Studenten, die in der Weise des Seins zur Welt bezogen sind, hat der Lernvorgang eine völlig andere Qualität. Zunächst einmal gehen sie selbst zu der ersten Vorlesung nicht als tabula rasa. Sie haben über die Thematik, mit der sich der Vortrag beschäftigt, schon früher nachgedacht; es beschäftigen sie bestimmte Fragen und Probleme. Sie haben sich mit dem Gegenstand schon auseinandergesetzt und sind an ihm interessiert. Statt nur passiv Worte und Gedanken zu empfangen, hören sie zu und hören nicht bloß, sie empfangen und antworten auf aktive und produktive Weise. Was sie hören, regt ihre eigenen Denkprozesse an, neue Fragen, neue Ideen, neue Perspektiven tauchen dabei auf. Der Vorgang des Zuhörens ist ein lebendiger Prozess; der Student nimmt die Worte des Lehrers auf und wird in der Antwort lebendig.“

Die Analyse aus soziologischer und psychologischer Sicht

Erich Fromm-freudquotes.blogspot.com

Erich Fromm (1900-1980)

Im Besitzenwollen erkennt Fromm eine Haltung, die in moderner Zeit dem im Menschsein angelegten Bedürfnis nach Unsterblichkeit gerecht werden möchte und nennt als Beispiel das Testament oder den „Letzten Willen“ des besitzenden Menschen, mit dem er sich über die Erben eine Art Unsterblichkeit verschafft. Interessant ist auch die Ansicht des Psychologen Freud, wonach der Charakter des Geizigen, der „seine Hauptenergie auf den Besitz, das Sparen und Horten“ richtet, ein unreifes Entwicklungsstadium des Menschen kennzeichnet, das bei einer erwachsenen Person als pathologisch, also krank, angesehen werden muss.

Fromm beobachtet auch, dass das Haben leichter erfasst werden kann als die Existenzweise des Seins, weil es dem modernen Menschen bekannter ist. So sei der moderne Mensch beispielsweise an „entfremdetes Tätigsein“ gewöhnt, während er sich in der Dimension des Seins „als handelndes Subjekt seines Tätigseins“ und somit produktiv erlebe. Überhaupt sei die Aktivität ihr wesentlichstes Merkmal, aber „nicht im Sinne von Geschäftigkeit, sondern im Sinne eines inneren Tätigseins. … Es bedeutet, sich selbst zu erneuern, zu wachsen, sich zu verströmen, zu lieben, das Gefängnis des eigenen isolierten Ichs zu transzendieren, sich zu interessieren, zu lauschen, zu geben.”

In der weiteren Analyse findet Erich Fromm viele Beispiele dafür, wie sich das Haben und das Sein im Leben ausgestalten. So macht er auf den Unterschied zwischen „Freude“ und „Vergnügen“ aufmerksam und definiert Vergnügen „als Befriedigung eines Verlangens, zu der es nicht unbedingt der Aktivität im Sinne von Lebendigkeit bedarf.“, wie zum Beispiel das Vergnügen, nach „Herzenslust“ zu essen. Zur Beschreibung der Wesensnatur der Freude zitiert er unter anderem Spinoza, der in seiner „Ethik“ schrieb: “Freude ist Übergang des Menschen von geringerer zu größerer Vollkommenheit. Trauer/Traurigkeit ist Übergang des Menschen von größerer zu geringerer Vollkommenheit.“

Welche Forderungen ergeben sich aus den unterschiedlichen Existenzweisen für eine Erneuerung der Gesellschaft?

Der dritte und letzte Teil des Buches ist wie eine Fundgrube derjenigen Ideen und konstruktiven Ansätze, die heute in alternativen Medien zum Ziel einer Erneuerung der Gesellschaft genannt werden. Ausgangspunkt ist die Bezeichung des Menschen in der modernen Gesellschaft als Marketing-Charakter. Da der Erfolg des Menschen „weitgehend davon abhängt, wie gut man seine Persönlichkeit verkauft, erlebt man sich als Ware oder richtiger: gleichzeitig als Verkäufer und zu verkaufende Ware. Der Mensch kümmert sich nicht mehr um sein Leben und sein Glück, sondern um seine Verkäuflichkeit.”

Unter dem Stichwort „radikaler Humanismus“ plädoyiert Erich Fromm schließlich für die Förderung der „Entstehung eines neuen Menschen“, der die Bereitschaft zeigt, „alle Formen des Habens aufzugeben, um ganz zu sein“.

Daraus ergeben sich als neue Notwendigkeiten unter anderem folgende Forderungen:

  • eine neue Wissenschaft vom Menschen
  • die Ausrichtung der Produktion auf einen „gesunden und vernünftigen Konsum“
  • die drastische Einschränkung des Rechts der Aktionäre und Konzernleitungen, über ihre Produktion auschließlich vom Standpunkt des Profits und Wachstums zu entscheiden
  • volle Verwirklichung einer politischen und industriellen Mitbestimmungsdemokratie
  • maximale Dezentralisierung von Wirtschaft und Politik
  • Ersetzen des bürokratischen durch ein humanistisches Management
  • Verbieten aller Methoden der Gehirnwäsche in kommerzieller und politischer Werbung
  • Schließen der Kluft zwischen den reichen und den armen Nationen
  • Garantie eines jährlichen Mindesteinkommens

Ein brandaktuelles und zugleich spirituelles Werk

Das Buch „Haben oder Sein“, das Erich Fromm im hohen Alter von 76 Jahren, vier Jahre vor seinem Tod geschrieben hat, ist wie der Blick eines großen Sozialpsychologen und Philosophen auf die moderne Gesellschaft. Ich würde es sogar als spirituelles Werk bezeichnen, da der Autor mit diesem Werk Einsichten und Erkenntnisse darlegt, die er sich in einer lebenslangen Auseinandersetzung und Beobachtung erarbeitet hat und die somit absolut authentisch und zugleich verständlich, nicht wissenschaftlich abgehoben, formuliert sind. Auch in dem auf youtube veröffentlichten Interview, das er wenige Monate vor seinem plötzlichen Tod gegeben hat, klingen diese Einsichten über die Haben-Orientierung des modernen Menschen an, wenn er zum Beispiel sagt:

„Der moderne Mensch glaubt, umso entwickelter zu sein, je mehr Maschinen man braucht und deshalb sieht er herab auf die nicht maschinenbauenden und nicht maschinenbenutzenden Menschen.“³

Auch in den Kommentaren zu dem Video äußern sich viele Personen erstaunt über die Aktualität in den Worten Erich Fromms. Vielleicht hat er damit einen Samen gesät, der nun langsam zu keimen beginnt. Das wäre eine sehr hoffnungsvolle Perspektive gerade dann, wenn man gegenwärtig unter der manipulativen Kraft der Massenmedien zusammenbrechen möchte.

Somit möchte ich die Lektüre dieses Buchs allen Personen empfehlen, die spüren, dass ein gesellschaftlicher und individueller Wandel ansteht und die nach möglichen Perspektiven suchen.

Spiritueller Wert 4/5
Praktischer Wert 4/5

 

(1) Meister Eckhart (1260-1328), war ein bedeutender Theologe und Philosoph im Spätmittelalter, dessen Schriften und Predigten in den folgenden Jahrhunderten bis in die Neuzeit von vielen bedeutenden Denkern studiert wurden.

(2) Emile Benveniste (1902-1976) war ein französischer Sprachwissenschaftler.

(3) Erich Fromm – ein Gespräch (1980), https://www.youtube.com/watch?v=sVd4dKH3vng

 

Erich Fromm, Haben oder Sein, Taschenbuch, 272 Seiten, dtv Verlagsgesellschaft 2005, ISBN 9783423342346

Das Buch kann online bestellt werden bei Amazon.at, derbuchhaendler.at, Thalia.at.

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