Der Infektionsbegriff im Wandel der Geschichte

Morgenröte-Bild von Peggy Choucair auf pixabay

Die Infektion überzieht den Menschen mit einer Krankheit so wie die Morgenröte den Himmel überzieht.

Eine vergleichende Betrachtung verschiedener Verständnisansätze zum Wesen der Infektion als mögliche Diskussionsgrundlage in der Coronafrage. (Teil I)

Was genau bedeutet das lateinische „inficere“?

Das Wort Infektion leitet sich vom lateinischen inficere ab. Bei diesem Begriff kann man drei verschiedene Bedeutungen unterscheiden, die sich aber bei genauerem Hinsehen komplettieren: Laut dem Kleines deutsch-lateinisches Handwörterbuch von Georges aus dem Jahr 1910 hat inficere zunächst die Bedeutung, dass etwas mit Farbe überzogen wird, zum Beispiel auch mit Blut oder der Himmel, der sich mit der Morgenröte überzieht. Des Weiteren ist inficere das Auf-andere-Übergehen von Krankheiten, das Anstecken. Und die dritte Bedeutung vergiften wird mit dem Wort inficere im bildhaften Sinne verwendet, dass jemand zum Beispiel die jugendlichen Gemüter mit Begierden und Lastern vergiftet.

Diese Bedeutungen klingen etwas anders als die in modernen Texten meist verwendete Erklärung, inficere heiße “etwas hineinstecken”. Man möchte eher meinen, dass das altrömische Verständnis von Infektion sich so verhält, dass der Mensch, der als solcher seine Identität (seine Beschaffenheit) beibehält, von einer Krankheit „überzogen“ wird. Es ist eine weniger existenzbedrohliche Empfindung im Vergleich zu der in der Coronakrise verbreiteten Vorstellung, ein bedrohlicher unbekannter Krankheitserreger wäre in der Lage, den Menschen in seiner Ganzheit zu vernichten.¹ Zu inficere gesellt sich in der lateinischen Sprache der Begriff contagio, der auf Deutsch mit “Anstecken” übersetzt wird. Ursprünglich ist mit contagio eine Berührung (siehe das Wort „Kontakt“) oder eine Gemeinschaft mit etwas im guten oder üblen Sinn gemeint, ein Beteiligtsein. Zu Zeiten Roms bezeichnete das Wort contagio sowohl eine physische wie eine moralische Ansteckung.

Exkurs: Das Phänomen der Pandemie im Ayurveda.

In dem wesentlichen Grundlagentext des Ayurveda, der Caraka Samhita, finden sich auch Beschreibungen der Epidemie und der Pandemie. Der Begriff für Pandemie lautet janapadodhvaṁsa vyādhi, was so viel bedeutet wie „die Krankheit der Vernichtung der Gesellschaft“. Auf die Frage des Schülers Agnivesha, woher es kommen kann, dass unterschiedliche Individuen von ein und derselben Krankheit befallen werden, antwortet der Meister Aytreya:

Es gibt vier Faktoren, deren Verunreinigung sich auf eine ganze Gemeinschaft von Menschen auswirkt, das sind Luft, Wasser, Erde und die Jahreszeit, bzw. das Wetter einer bestimmten Jahreszeit.- Agnivesha fragte noch einmal: „Nun sag uns, Meister! Was macht die Luft usw. so vergiftet, dass sie dazu tendiert, ganze Völker zu zerstören?“ Meister Atreya antwortete, dass das Grundübel der Verunreinigung dieser Faktoren das adharma² ist. Schlechte Taten aus diesem Leben oder aus der Vergangenheit sind ebenfalls Ursachen für die Verunreinigung all dieser Faktoren und die Quelle dafür ist Unwissenheit, d.h. intellektuelles Fehlgehen, prājñaparādhā. Folglich, wenn die regierenden Häupter von Ländern, Städten, Handelsgilden usw. die Menschen auf unverantwortliche Weise regieren, indem sie den tugendhaften Pfad verlassen, dann kommen auch ihre Beamten, Angestellten und wiederum deren Mitarbeiter, die Menschen der Stadt, die Gesellschaft und die Händler ebenfalls von ihren Pflichten ab und verbreiten solche unrichtige Handlungen weiter. Die Wirkung ihrer schlechten Handlungen lässt die richtigen Handlungen verschwinden. Nachdem die richtigen Handlungen verschwunden sind, vereinsamen selbst die Götter der Menschen, die an diesen Orten leben. Das verursacht Schwankungen im jahreszeitlichen Klima. Es regnet nicht rechtzeitig oder gar nicht oder es regnet viel zu viel; der Wind geht nicht auf richtige Weise; das Land wird verunreinigt, die Wasserreserven trocknen aus und die Pflanzen verlieren ihre guten Eigenschaften und verkümmern. Als Konsequenz verderben die Menschen durch infektiösen Kontakt oder durch Verschlucken von verunreinigtem Essen und Wasser.“ ³

Man findet also in der von unserem modernen Denken so weit entfernten Altindischen Kultur die Betrachtung noch ganz auf das Milieu gelenkt: Weil das Milieu der Menschen verdorben ist, werden viele Menschen zu gleicher Zeit krank. Die Verderbnis des Milieus hat ihre hauptsächliche Ursache jedoch im unrechten Handeln der Menschen selbst, das sich auf die ganze Umgebung auswirkt.

In der späteren Griechisch-lateinischen Kulturepoche wirkt noch das Verständnis eines Zusammenhangs zwischen Seele und Körper nach und es wird nicht unterschieden zwischen der Übertragung einer Krankheit und der Übertragung von Lastern und Begierden.

Abraham a Santa Clara, Mercks Wien

“…die Pestilenz seye eine Ruthen, so die obere Hand Gottes flechtet…”

Wie das finstere Mittelalter die Neuzeit prägt

Die katholische Kirche hat ganz stark das materialistische Denken der Neuzeit gefördert, indem im Laufe mehrerer Konzilsbeschlüsse dem Menschen seine geistige Natur abgesprochen wurde. Dadurch wurde der Blick immer mehr auf das materiell Sichtbare gelenkt und das Unerklärbare, wie die Entstehung einer großen Seuche, auf die Entscheidung eines fernen Gottes gelenkt. Dieser Wechsel der Blickrichtung spiegelt sich in der Begriffsgeschichte wieder: Haben wir in dem Sanskrittext noch einen denkbar weiten Blick, der sich der Krankheit der Vernichtung der Gesellschaft auf beschreibende Weise widmet, so drückt der lateinische Begriff der Infektion bereits ein mehr subjektives Geschehen aus, wie jemand von einer Krankheit oder einem Laster überzogen wird. Der mittelalterliche Mensch blickt nun auf denjenigen, der ihn mit der Krankheit zündstoffartig ansteckt mit moralisch urteilender Sicht und nennt den Überträger der Krankheit einen Sünder, der von Gott bestraft wird.4

Diese moralisch urteilende Komponente in der Diskussion um die Seuchen verstärkt sich sogar noch, als die ersten Wissenschaftler im 18. Jahrhundert erst die Bakterien und später die Viren entdecken. So hat es jedenfalls aus heutiger rückblickender Warte den Anschein, wenn man sich fragt, wie es in einer sich modern wägenden Kultur möglich ist, dass Denunziantentum und Moralisieren im Zuge der Coronakrise geradezu wie die Pilze aus dem Boden schießen.

Medizingeschichte: Pettenkofer, Koch und Pasteur

Unter den Gelehrten der Epoche tauchte mit der Entdeckung der Krankheitserreger die Frage auf, ob für das Ausbrechen einer Krankheit mehr das Milieu verantwortlich sei oder der Keim selbst als Eindringling. Der erste Hygiene-Professor Max von Pettenkofer (1818 – 1901), der wesentlich zur Verbesserung der hygienischen Situation in München beigetragen hatte, vertrat die Ansicht, dass das Milieu im Sinne der Grundwasser- und Bodenbeschaffenheit für das Ausbrechen einer Epidemie die wesentliche Bedeutung hat.5

Robert Koch (1843 – 1910) in Deutschland und in Frankreich Louis Pasteur (1822 – 1895) erforschten und entdeckten die ersten Krankheitskeime und fokussierten sich mehr auf die Frage nach ihrer Bekämpfung, zum Beispiel durch Impfungen. So hat Louis Pasteur die erste erfolgreiche Tollwutimpfung durchgeführt und wurde berühmt dafür.6

Da beide Entwicklungen zu gleicher Zeit verlaufen sind, die Verbesserung der hygienischen Situation in den Städten Europas und die Entwicklung von Impfstoffen, kann nicht genau gesagt werden, welche Maßnahme nun mehr zur Anhebung des Lebensstandards beigetragen hat. Jedenfalls handelt es sich um polare Sichtweisen, je nachdem ob man den Blick auf den Erreger richtet, der zu bekämpfen ist oder ob man den Blick vornehmlich auf das Milieu richtet, das bestmöglich zu fördern ist.

Rudolf Steiner: der Krankheitserreger als Erkennungszeichen für Unregelmäßigkeiten im Organismus

Da Rudolf Steiner (1861 – 1925) quasi ein Zeitgenosse dieser großen Wissenschaftler war, nimmt es nicht wunder, dass auch er sich mehrfach zur Frage und zum Verständnis der Infektion geäußert hat. Bei ihm findet man die Betonung des Milieus, nun aber noch spezifischer auf das im Menschen selbst befindliche Milieu, das den Boden für den Krankheitserreger bereitet oder ihm keinen Einlass bietet:

Es ist schon wirklich eigentlich schrecklich, wenn man heute an die Prüfung der pathologischen Literatur herangeht und bei jedem Kapitel aufs Neue darauf stößt: für diese Krankheit ist der Bazillus entdeckt, für jene Krankheit ist der Bazillus entdeckt und so weiter. …Für das Kranksein hat das keine andere Bedeutung als höchstens die eines Erkennungszeichens, eines Erkennungszeichens insofern nämlich, als man sagen kann: Wenn die oder jene Krankheitsform zugrunde liegt, so ist im menschlichen Organismus die Gelegenheit geboten, dass sich diese oder jene interessanten kleinen Tier- oder kleinen Pflanzenformen auf einem solchen Unterboden entwickeln, aber sonst weiter nichts. Mit der wirklichen Krankheit hat diese Entwickelung der kleinen Fauna und kleinen Flora in einem sehr geringen Maße etwas zu tun, höchstens in einem indirekten Maße.7

Rudolf Steiner erläutert nun sehr genau, was im Menschen vor sich geht, so dass bestimmte Körperzonen ein gutes Milieu für Krankheitserreger abgeben. Seine Überlegungen setzen an der Beobachtung an, dass man beim Menschen drei Bereiche im Sinne von drei verschiedenen Funktionseinheiten untergliedern kann: Das wären das Nerven-Sinnessystem, das sich am meisten am Kopfe zeigt, dann das rhythmische System mit der Funktion von Lungen und Herz und schließlich das Stoffwechselsystem im tiefen Bauchraum. Diese Systeme funktionieren am besten in einer relativen Unabhängigkeit voneinander. Das heißt zum Beispiel, dass die intensiven, wärmeerzeugenden Stoffwechselprozesse des Unterleibs sich nicht in den Lungen oder im Nervensystem zu sehr ausbreiten sollten. Die Lungen geben demnach dann ein gutes Milieu für Krankheitskeime ab, wenn sie in ihrer Funktion bereits nicht mehr uneingeschränkt tätig sind, sondern sich bereits zu starke Stoffwechselprozesse mit Schleimproduktion in den Alveolen und Bronchien breit gemacht haben.8

Von einer solchen Betrachtungsweise ausgehend, wird man sich also in erster Linie die Frage stellen, durch welche Faktoren eine Gefahr für das gute Funktionieren der menschlichen Systeme ausgeht. Die Keimübertragungswege, denen aktuell in der öffentlichen Diskussion das Hauptaugenmerk gilt, wird man hingegen erst in zweiter Reihe betrachten.

Teil II: Die Infektion auf physischer und metaphysischer Ebene

Anmerkungen und Textquellen:

(1) Interessant ist, dass genau diese existentielle Bedrohung nun tatsächlich mit der geplanten Impfung gegeben ist, die in der Lage sein wird, das Genom des Menschen zu verändern. Während sich die angebliche mit Sars-Cov2 einhergehende Letalität als nicht real herausgestellt hat, gibt es aktuelle eine reale Gefahr, über die noch kaum diskutiert wird. Siehe das Interview mit Prof. Stefan Hockertz auf youtube.

(2) Das Wort setzt sich aus der Negation a und dem Wort dharma zusammen, das so viel wie Gesetz, Recht, Ordnung bedeutet. Dharma ist aber nicht im juristischen Sinn zu verstehen, sondern bezieht sich auf die göttliche, bzw. kosmische Weltordnung. Adharma ist somit ein Abweichen aus dieser kosmisch vorgegebenen Ordnung.

(3) Caraka Samhita, Janapadodhvansaniya Vimana, 3. Kapitel, Verse 5-20, Verse 19+20 aus dem Englischen übersetzt von Alina

(4) siehe dazu beispielsweise die Predigt von Abraham a Santa Clara

(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Max_von_Pettenkofer, abgerufen am 5.7.2020 (4)

(6) https://de.wikipedia.org/wiki/Louis_Pasteur#Die_Kontroverse_mit_Koch, abgerufen am 5.7.2020

(7) GA 312, S. 81f

(8) https://anthrowiki.at/Infektionskrankheit, abgerufen am 6.7.2020; GA 73a, S. 233ff

Bildquellennachweis (20-07-15): Morgenröte-Bild von Peggy Choucair auf pixabay,

 

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