Meditation in der Bhagavad Gita, Teil I

Welche Grundlagen für die Meditation finden sich in der Bhagavad Gita?

Bhagavad Gita_www.krishna.orgDie Bhagavad Gita, zu deutsch: Der Gesang des Erhabenen, könnte mit dem eindrücklichen Vergleich als Bibel der Hindus bezeichnet werden. In der indischen Kultur spielt das Werk sicherlich eine ähnlich bedeutende Rolle wie die Bibel im Christentum oder der Koran im Islam. Die Bibel berichtet von Jesus, der Koran berichtet von Mohammed und die Bhagavad Gita berichtet von Krishna.

Das Zwiegespräch zwischen Arjuna und Krishna

Genau genommen ist die Erzählung der Bhagavad Gita eingebettet in das große indische Heldenepos Mahabharata. Der Handlungsstrang ist schnell wiedergegeben, denn viel mehr als um eine Handlung dreht es sich um ein Zwiegespräch zwischen der göttlichen Erscheinung Krishna und dem Helden Arjuna. Dieser tapfere Krieger war durch eine edle Abstammung und das Schicksal von 12 Jahren Verbannung ein reifer und mit allen Vorzügen eines Helden ausgestatteter Mensch. Das Leben hatte ihn aber zu einer ganz besonderen Aufgabe vorbereitet, denn er sollte als erster der Menschen bei vollem Bewusstsein das sogenannte Höhere Selbst erschauen.

Das Zwiegespräch beginnt mitten auf dem Schlachtfeld, als die schallenden Hörner den Anstoß der Schlacht ankündigen. Arjuna, bereits gerüstet zum Kampf, wirft einen Blick auf die Reihen der Krieger und als er sieht, dass auf beiden Seiten des Schlachtfeldes Blutsverwandte von ihm stehen, überkommt ihn ein gewaltiger Zweifel an seiner Aufgabe. Er lässt den Bogen sinken und sagt zu Krishna, seinen Wagenlenker, „lieber will ich selbst sterben als diese edlen Männer zu töten, selbst wenn sie sich als Feinde meiner Partei aufgereiht haben.“

Von diesem Moment an ergreift Krishna das Wort und belehrt Arjuna über den Yoga und den Sinn des Lebens, über die unsterbliche Seele und die Pflichten des Menschen.

Ein Werk, viele Interpretationen

So wie es mit der Bibel geschehen ist, verhält es sich nicht viel anders mit der Bhagavad Gita und es gibt unzählige Kommentare, Übersetzungen und Interpretationen. Der Text stammt aus dem Zeitraum zwischen dem 5. und 2. Jahrhundert vor Christus, während die Begegnung von Arjuna und Krishna, die der Überlieferung zufolge tatsächlich stattgefunden hat, auf die Zeit um 3000 vor Christus zu datieren ist. Diese Zeit markiert auch den Beginn des Kali-Yuga, des eisernen, dunklen Zeitalters, an dessen Ende wir heute stehen.

Von Sri Aurobindo liegt eine Übersetzung vor, die sich einerseits sehr am Originaltext orientiert, aber gleichzeitig von der umfassenden Weisheit und dem Einblick in die höchsten geistigen Welten durch den Übersetzer selbst getragen ist. Die im Westen wohl bekannteste Übersetzung mit Kommentar ist diejenige von Swami A. C. Bhaktivedanta Prabhupada, die im Rahmen der Hare-Krishna-Bewegung in viele Sprachen übersetzt wurde. Für das vorliegende Thema Meditation in der Bhagavad Gita interessant, wenn es auch vielleicht nicht in allen Themen die Kernpunkte trifft, ist ausserdem das Werk von Maharishi Mahesh Yogi über die ersten sechs Kapitel der Bhagavad Gita. Maharishi findet in der Bhagavad Gita nämlich die Bestätigung für die von ihm so benannte Transzendentale Meditation (TM).

Die Philosophie in den Begriffen

Krishna Arjuna_blog.onlineprasad.com

Arjuna erkennt das göttliche Selbst in Krishna.

Sieht man einmal von den unterschiedlichen Übersetzungen und Kommentaren ab, so bleibt die Auseinandersetzung mit der philosophischen Bedeutung der Begriffe als Notwendigkeit übrig. An sich ist das Sanskrit eine sehr konkrete Sprache mit einer mathematisch anmutenden klaren Logik. Da aber der Ursprung des Textes eine sehr lange Zeit zurück geht, wird es vom heutigen Stand aus notwendig, sich auf die damaligen Zeitumstände gedanklich einzustimmen, um nicht ein modernes Bewusstsein in die Überlieferung hinein zu interpretieren. Wenn Maharishi Mahesh Yogi zum Beispiel sagt, es sei „Lord Krishnas Hauptaufgabe, das Böse zu vernichten und das Rechtschaffene zu schützen“,  dann ist dies unter Umständen bereits ein modernes, mehr polares Denken, das die urindische universale Sichtweise hinter sich gelassen hat.

Für den Philosophen ist das gesamte Zwiegespräch und die Belehrungen des Krishna an Arjuna äußerst interessant. Hier aber soll der Einfachkeit halber nur einmal Bezug zum 6. Kapitel genommen werden, das eine Beschreibung der idealen Haltung eines Yogin enthält. Bereits im 2. Vers heißt es dort:

Denn niemand wird ein Yogin, der nicht in seinem Mental dem Willen seines Verlangens entsagt hat.

Sri Aurobindo übersetzt das Wort sankalpa mit “Wille des Verlangens” oder “Wunsch-Wille”. Dieses willentliche Verlangen soll von dem Yogin gezügelt werden und zwar durch Entsagung, also das, was als Wunsch-Wille aus dem Organischen hochsteigt, soll grundsätzlich aufgegeben werden. Im 24. Vers differenziert Krishna noch genauer: man soll “alle Begehren aufgeben, die im Wunsch-Willen (sankalpa) ihren Ursprung haben”.

Sankalpa oder der Ursprung des Begehrens

Wo kann das Begehren noch seinen Ursprung haben, wenn nicht im Wunsch-Willen? Der eigentliche und gesunde Ursprung des Begehrens wäre im Sinne der Bhagavad Gita ein Begehren nach dem Geistigen, wie sich aus den weiteren Ausführungen Krishnas zeigt. Für die Meditation ist das ein ganz wesentlicher Zusammenhang, denn wer kennt nicht die vielen Stimmungen, Wünsche und Regungen, die gerade dann aus dem Untergründigen hochsteigen, wenn man sich einer ruhigen Meditation widmen möchte. Man soll in dieser Hinsicht also lernen, diejenigen Regungen nicht zu beachten, die aus einem persönlichen Wunsch-Willen aufsteigen, während der grundsätzlich positive Wille zum spirituellen Fortschritt ein unbedingt notwendiger Antrieb für die Meditation bedeutet und man sich von daher keinesfalls komplett in seinem Willen aufgeben darf.

Maharishi Mahesh Yogi_mygodpictures.com

Maharishi Mahesh Yogi interpretiert die Bhagavad Gita vom Standpunkt der Transzendentalen Meditation

Mit den Worten von Maharishi Mahesh Yogi handelt es sich darum, “dass ein Gedanke von der tiefsten Ebene des Bewusstseins aufsteigt und sich zu einem Wunsch entwickelt, sobald er die bewusste Ebene des Geistes erreicht. Ein Mensch, für den die Ebene des Transzendentalen Bewusstseins zur Ebene des bewussten Geistes geworden ist, nimmt den Gedanken an seinem unmittelbaren Anfang wahr, noch bevor er sich zu einem Wunsch entwickelt. Sein Gedanke wird in Tätigkeit umgewandelt, ohne dass er sich als Wunsch ausdrückt.” Hierin drückt sich die indische philosophische Sichtweise aus, nach der Gedanken am Anfang aller Evolution und aller irdisch sichtbaren Manifestationen stehen.

Somit ist es ein Ziel für den Meditierenden, den ursprünglichen, reinen Gedanken wahrzunehmen, ohne die charakteristische Verfärbung, die dieser Gedanke durch die Einflüsse aus dem persönlichen Willensbereich angenommen hat. Während der moderne Konsumismus dem Menschen vorgaukelt, die Welt der Sehnsüchte und des persönlichen Begehrens müsse unbedingt Verwirklichung erlangen, ist es in der Bhagavad Gita genau umgekehrt. Ein Gedanke soll für die Meditation an erster Stelle stehen und der Wunsch-Wille, sankalpa, soll im Sinne von Entsagung zurück gehalten werden.

Dass das Konsumdenken auch im Yoga Einzug gehalten hat, kann man an manchen modernen Yogastilen sehen, die dem Tantra Yoga nahestehen: Man nutzt heute gerade den Begriff sankalpa, um zum Beispiel einen positiven Wunsch als Affermation zu setzen in der Erwartung, dass sich dieser dann über das Unbewusste ausarbeite. Der Weg, den Krishna lehrt, führt jedoch im Gegenteil vom bewussten Gedanken zur Lenkung und Meisterschaft über das Unbewusste und nicht umgekehrt.

(2. Teil über Rasa und Buddhi folgt)

Textquellen:

Sri Aurobindo, Bhagavad Gita, Verlag Hinder + Deelmann, 5. Auflage 2013, ISBN 9783873481633

Maharishi Mahesh Yogi, Die Bhagavad Gita Kapitel I – VI, Kamphausen Verlag 1999, ISBN 3933496411

Bildquellen (18-08-11):

krishna.org, blog.onlineprasad.com, mygodpictures.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  • dhyana.at ist eine unabhängige Seite mit Infos und Tipps zu den Themen Meditation, Spiritualität und Yoga