Mensch oder Virus – was zählt mehr?

Vorbemerkung: In Zeiten, in denen jedes andere Thema wie vom Erdboden verschwunden ist, scheint es mir nicht angemessen, die Augen vor der Weltensituation zu verschließen und sich mit Hilfe von Meditation ein eine Art „heile Innenwelt“ zu flüchten. Im Gegenteil, wer sich auf einen Meditationspfad begibt, möchte ja gerade seine inneren Kräfte stärken, um sich im äußeren Weltengetriebe besser zurecht zu finden. Das Thema Coronavirus hält die Welt in Atem. Lässt sich denn in dem verwirrenden Geschehen mit täglich sich überstürzenden Nachrichten mit vielfach diametral entgegengesetzten Aussagen eine Logik entdecken? In den folgenden vier Beiträgen möchte ich dieser Frage nachgehen. Dort, wo ich mich auf Videobelege in italienischer Sprache stütze, war mir meine Bekannte Rosanna beim Übersetzen der Texte behilflich. Alina

Corona I – Giuseppe Conte dreht den Italienern den Hahn zu

Giuseppe Conte-Screenshot youtubeEin Blick über die Grenzen Österreichs: Der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte hat mit seiner Regierungserklärung am 27.4.2020 zur kommenden Phase 2 im politischen Management der Coronakrise viele Bürger Italiens schwer enttäuscht, da die freiheitsbeschränkenden Maßnahmen kaum gelockert werden. In Facebook konnte man in Hinsicht auf die Bestimmungen für die neue Phase, die ab 4. Mai 2020 in ganz Italien gelten soll, die ironische Überschrift finden: „Man darf ausgehen, aber indem man zu Hause bleibt.“ Wer jedoch mit akuten Existenzsorgen, mit psychischen Zusammenbrüchen, mit familiärer Gewalt oder mit einer Zukunft ohne Perspektive aufgrund der allzu lange andauernden Quarantänesituation zu kämpfen hat, dem bleibt wohl die Ironie im Halse stecken. (1)

Wie ist es möglich, dass die in Italien seit 8 Wochen andauernde massive Einschränkung der bürgerlichen Grundrechte trotz dem weltweiten Rückgang der Pandemiekurve immer noch aufrecht erhalten wird?

Das Land Schweden macht es den Mitgliedsstaaten der EU doch vor, möchte man meinen. Dort geht der Weg durch die Pandemie zwar nicht ohne Todesopfer, aber mit einem identischen Kurvenverlauf vonstatten wie in denjenigen Ländern, die mit schwersten wirtschaftlichen und sozialen Einschränkungen den Verlauf der Ansteckungen zu verlangsamen suchen. In der deutschsprachigen Presse wird die schwedische Strategie, die anstatt auf Restriktionen, auf die Vernunft und Freiwilligkeit der Bürger setzt, regelmäßig kritisiert und in einem möglichst schlechten Licht dargestellt. Da es aber nicht den Tatsachen entspricht, dass in Schweden weitaus größere Fallzahlen auftreten als in den Ländern mit „Lockdown“, ist eine solche Berichterstattung nur unter Einsatz suggestiver Dialektik möglich. (2)

Obwohl die Krankheits- und Todeszahlen in Ländern wie Österreich, Deutschland und Italien stark variieren, so scheint es doch auf politischer Seite gemeinsame oder ähnliche Argumentationslinien zu geben. Dies hat beispielsweise dazu geführt, dass Deutschland trotz einer Reproduktionszahl, die bereits vor der Einführung der Ausgangsbeschränkungen weniger als eins war und die sich anhand der Maßnahmen auch nicht verändert hatte, dennoch eine Maskenpflicht einführte. Mittlerweile ist in der Öffentlichkeit ein internes Schreiben mit Handlungsempfehlungen zu Covid 19 aus dem deutschen Innenministerium bekannt geworden. In diesem Schreiben wird zur Angstmacherei direkt aufgefordert, „um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen“ (!).

Ein ähnliches Dokument scheint es nach den Worten des FPÖ-Abgeordneten Herbert Kickl auch in der österreichischen Regierung zu geben. Dieser hat mit seiner auf youtube veröffentlichten „Bilanz“ einiges an Aufsehehen erregt, indem er den Kurs der Angstmacherei durch die Regierung in einer Rede im Parlament am 25.4.2020 scharf kritisiert hat. Laut Kickl hätten sich die ganzen von der Regierung ausgemalten Schreckensszenarien als falsch erwiesen und hätten nur zur Verunsicherung der Bürger beigetragen. Es sei vollkommen unangebracht, nun eine „neue Normalität“ zu beschwören, so als ob die Menschen den ihnen zustehenden Rechtsstatus nicht mehr wieder erlangen dürften. Tatsächlich kommt Österreich von den Fallzahlen her im eurpaweiten Vergleich sehr gut durch die Pandemie und hat nun auch seit heute, dem 1.5.2020, die Ausgangsbeschränkungen aufgehoben.

Die Logik der Selbstzerstörung Italiens

In Italien hingegen müssen die Menschen nach wie vor mit schweren Sanktionen rechnen, wenn sie aus nicht zu rechtfertigenden Gründen das Haus verlassen. Wann sich wieder alle Bürger frei im ganzen Land und gar erst über Landesgrenzen hinweg bewegen dürfen, ist derzeit noch überhaupt nicht absehbar. Sucht man nun nach der Art der Logik in den Worten der Regierungserklärung Giuseppe Contes, so ergibt sich etwa folgende Argumentationslinie:

  • Mit dem Virus zusammenleben und dabei die Gesundheit zu schützen ist sehr schwierig.
  • Wer sich nicht an die Maßnahmen der Ausgangsbeschränkung, der sozialen Distanz und des Mundschutztragens hält, wird für weitere Tote und wirtschaftliche Schäden verantwortlich sein.
  • Da ein Viertel der Ansteckungen in den Familien geschehen, muss man auch innerhalb familiärer Begegnungen den Mindestabstand einhalten und Schutzmasken tragen.
  • Würde man die Schulen jetzt öffnen, so wäre innerhalb von zwei Wochen mit einer neuen Ansteckungswelle zu rechnen.
  • Die Regierung muss darüber wachen, dass im Land die freiheitsbeschränkenden Maßnahmen und in den Firmen die Sicherheitsprotokolle eingehalten werden.
  • Die Regierung kann innerhalb von drei Tagen den Firmen „den Hahn zudrehen“, sollte in einer Provinz die Ansteckungskurve zu sehr ansteigen.
  • Die Phase 3 wird erst eintreten, sobald eine Medizin oder eine Impfung gegen den Coronavirus zur Verfügung stehen. (3)

Nimmt man diese Worte ernst und stellt sich das Szenario im Ergebnis vor, dann zeigt sich das Bild eines wirtschaftlich, sozial und gesundheitlich am Boden liegenden Landes. Denn die Logik von Giuseppe Conte räumt den Bürgern keine freie Selbstverantwortlichkeit ein und lässt wesentliche Aspekte wie die Fortschritte in der medizinischen Behandlung, die tatsächlichen Risikozonen der Altenheime und Krankenhäuser, die notwendig einzutretende Herdenimmunität und den Umstand, dass die Pandemie bereits weltweit rückläufig ist, unberücksichtigt. Entgegen der Tatsachen wird weiterhin die Strategie verfolgt, “den Teufel an die Wand zu malen.” Der in Italien sehr bekannte Politiker und Bürgermeister der Gemeinde Sutri in der Provinz Viterbo, Vittorio Sgarbi, spricht deshalb vielen seiner Mitbürger aus dem Herzen, wenn er sich anhand eines youtube-Videos über die „völlig unangebrachten, an der Realität vorbeigehenden Maßnahmen“ äußert. (4)

Da Conte sich regelmäßig als „nicht verantwortlich“, sondern quasi als „Sprachrohr“ des zur Bewältigung der Lage einberufenen wissenschaftlich-technischen Kommittees bezeichnet, stellt sich die berechtigte Frage nach den Verantwortlichen für seine Entscheidungslinie. Am 24.02.2020 hat der italienische Gesundheitsminister Speranza den Professor für Hygiene und öffentliche Gesundheit an der Katholischen Universität „Sacro Cuore“ in Rom, Walter Ricciardi, zum Berater für die Beziehungen Italiens mit den internationalen Gesundheitsorganisationen erklärt. Die Beschäftigung mit der Person Ricciardis lässt nun tatsächlich einige interessante Aufschlüsse über den argumentativen Kurs der italienischen Regierung zu. (5)

Siehe Teil II: Welche Interessen verfolgt Walter Ricciardi?

Anmerkungen:

(1) siehe die Polemik gegen Conte im italienischen online Journal „Lercio“

(2) Der Artikel in t-online vom 1.5.2020 benutzt beispielsweise folgenden rhetorischen Trick: „Am 27. April stieg die Zahl der Covid-19-Toten in Schweden auf 2.274. Zum Vergleich: In Dänemark waren es am selben Tag 427 Todesfälle, Norwegen meldete 205 Coronavirus-Tote, in Finnland starben bislang 193 Menschen an Covid-19 – bei jeweils halb so vielen Einwohnern wie Schweden. Führt der schwedische Weg in eine Katastrophe?“ – Man braucht nun nur die Zahl der in Schweden mit Corona verstorbenen Menschen in ein anderes Verhältnis zu setzen und sich vor Augen führen, dass Schweden weltweit auf Platz 21 der vom Virus betroffenen Länder liegt, um sicher zu sein, dass hier eine Katastrophe ganz bestimmt nicht mehr eintreten wird.

(3) Ein Auszug der Rede ist auch in deutscher Sprache zu sehen. Bezeichnenderweise spricht der Beitrag von “Lockerungsschritten”, während in der Tat in Italien zuvor von der “riapertura“, also von dem Verlassen der über das ganze Land verhängten Quarantänesituation die Rede war: Giuseppe Conte kündigt Lockerungsschritte für Corona-Auflagen in Italien an

(4) Eindrucksvoll ist auch der Zornesausbruch Sgarbis „um der Wahrheit willen“ im Parlament, der sich auch in deutscher Sprache in youtube findet: In Italien keine 25 000 Toten Vittorio Sgarbi im Parlament

(5) Aus dem Lebenslauf von Ricciardi geht hervor, dass er weder Virologe, noch Epidemiologe, noch Statistiker ist, also keinen Beruf innehatt, den man bei einem beratenden Experten in der Coronakrise vermuten würde.

Bildnachweis (20-05-01): Giuseppe Conte – Screenshot aus der Regierungserklärung vom 27.04.2020

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  • dhyana.at ist eine unabhängige Seite mit Infos und Tipps zu den Themen Meditation, Spiritualität und Yoga