Der Mensch am Scheideweg, Ludwig Meindl

Rezension eines Buches über das Bild des Menschen im Wandel der Zeit.

Der Mensch am Scheideweg, Ludwig MeindlDer Autor Ludwig Meindl (geb. 1952) untersucht in dem vorliegenden Buch den Mensch, wie er sich am Scheideweg von Licht und Finsternis bewegt. Er ist pensionierter Altphilologe und Philosophielehrer. Auf der Basis seiner Studien zur Anthroposophie Rudolf Steiners und zum spirituell-philosophischen Werk von Heinz Grill ist er heute als Referent zu geisteswissenschaftlichen Themen tätig.

Ein Gang durch die Philosophiegeschichte

Nach der Lektüre der Analytischen Religionsphilosophie, die ja einen relativ neuen Abschnitt in der Philosophiegeschichte darstellt (ca. 1910 – 1980), ist mein Interesse an den weiter zurückliegenden Epochen gewachsen und so bin ich auf das vorliegende Buch gestoßen. Dessen Absicht ist genau dieser geschichtliche Abriss mit dem Anliegen, daraus die Strömungen und die Aufgaben, die sich in der Gegenwart stellen, besser zu verstehen und einordnen zu können.

Der Autor gliedert sein Werk in ein einführendes Kapitel über die Frage, ob wir denn ein Menschenbild brauchen. In diesem Kapitel legt er auch das klassische Menschenbild der platonischen Philosophie dar. Im zweiten großen Abschnitt macht er eine große geschichtliche Reise über das Mittelalter bis zur Neuzeit und betrachtet den Menschen in der Religion sowie die neuzeitlichen Menschenbilder auf der Grundlage der geistigen Größen Leibniz und Hegel. Aber auch Karl Marx, Friedrich Nietzsche und Charles Darwin fehlen in der Aufzählung wichtiger Menschenbilder nicht.

Der dritte Abschnitt ist nun wie eine Anwendung des historischen Abrisses auf das Thema der Gerechtigkeit. Nun spannt der Autor erneut einen großen historischen Bogen und betrachtet die Idee der Gerechtigkeit, wie sie in den alten Kulturen als „Sonne der Gerechtigkeit“ als etwas Göttliches angesehen wurde und bis zum heutigen Tag wie in einer Art „Sonnenuntergang“ sich im Subjektivismus des modernen Menschenbildes verloren hat.

„Den Karren wieder flott machen“

Eine interessante Wendung nimmt das Buch im letzten Abschnitt, vom Autor „Epilog“ genannt. Anhand des bisher Gesagten würde der Leser vielleicht eine neue Theorie oder einen Lösungsvorschlag erwarten, wie denn ein „richtiges“ in die Zukunft weisendes Menschenbild oder ein Gerechtigkeitssinn, der sich auch in der Rechtsprechung bewährt, aussehen können. Stattdessen stellt der Autor die Frage, wie es denn zu der „Ablenkung“ gekommen sei, dass der Mensch zwar den notwendigen Gang in die Materie und in die Entwicklung eines starken Ich-Bewusstseins angetreten sei, aber sich nun darin richtiggehend verrannt habe und keinen Ausweg so recht finde.

Als Antwort beschäftigt er sich im Epilog mit „der Abschaffung des Geistes durch das achte ökumenische Konzil zu Konstantinopel“ im Jahr 869. Nach den Worten von Rudolf Steiner wurde mit diesem Konzil die platonische althergebrachte Lehre, der Mensch bestehe aus Körper, Seele und Geist abgeschafft und seither schreibt die katholische und evangelische Kirche dem Menschen bloß zwei Glieder, nämlich Körper und Seele zu. Und der Autor stellt schließlich fest:

…dass die Suggestion eines Menschenbildes aus den Bestandteilen Körper und Seele, die mit dem Konzil von 869 ihren Anfang nahm, nach einer langen Entwicklung in das Verständnis der mechanistischen Naturwissenschaftslehre von heute mündete. Mensch, Tier und Welt werden ausschließlich und unter Verneinung ihrer geistig-kosmischen Zusammehänge als „Resultat chemisch-physiologischer Prozesse“ definiert. Seither gilt auch der Gedanke als „materielles“ Produkt der verstandesmäßigen Tätigkeit des Menschen, nicht mehr als geistig eigenständig existierende Wesenheit. (S. 139)

Und er fordert auf:

Wir müssen den Karren wieder flott machen. Wie man heute den Umstieg vom umweltbelastenden Benziner auf das Elektromobil fordert, so soll das zukunftsfähige Modell des Homo sapiens, im ästhetischen Design, bereift mit den Tugenden und betankt mit dem Stoff der Geisteswissenschaft startklar gemacht werden. (S. 140)

Brauchen wir ein Menschenbild?

Vielleicht fragt sich so mancher Interessent, ob der Begriff des Menschenbildes wirklich so aktuell ist, dass sich die Lektüre eines derartigen Buches lohnt. Gegenfrage: Wäre das Chaos der Corona-Pandemie genauso eingetreten, wenn wir ein weniger materialistisches Menschenbild gehabt hätten? Wenn man sich den Mensch mit Darwin als „im Grunde nur ein Tier“ vorstellt, dann ist er viel mehr den Umweltbedingungen (Virus!) ausgeliefert, als wenn man ihn mit der Bibel als „Ebenbild Gottes“ denkt. Das Menschenbild, das man meist unbewusst mit sich trägt, prägt ganz wesentlich das Denken, Handeln und Entscheiden eines jeden Menschen. So nennt der Autor eine psychologische Deutung, nach der

der Darwinismus dem Menschen den Druck des noblesse oblige genommen habe, unter dem er sich zu einem immer höheren Wesen hinaufschrauben hätte müssen. Jetzt konnte er sich gemütlich zurückfallen lassen, denn – er war ja nur ein Affe!“ (S. 66)

In diesem Sinne ist das Buch mit seiner Fragestelltung „Sind wir Kinder des Lichts – oder Söhne der Finsternis?“ brandaktuell und schenkt in einfachen Worten jedem philosophisch Unbedarftem einen geschichtlichen Einblick. Praktisch angewandt wird dieser Einblick im Buch auf das Rechtsverständnis des Menschen, aber jeder kann in analoger Weise in seinem Lebensbereich fragen, von welchen Menschenbildern sich die Mitmenschen in ihren Handlungen steuern lassen. Da mich persönlich sehr das Menschenbild einer modernen Spiritualität und Geisteswissenschaft interessieren, hätte ich mir hierzu allerdings etwas längere Ausführungen gewünscht.

Spiritueller Wert 3/5
Praktischer Wert 5/5

 

Ludwig Meindl, Der Mensch am Scheideweg, Sind wir Kinder des Lichts – oder Söhne der Finsternis?, Das Bild des Menschen im Wandel der Zeit, Hard Cover, 142 Seiten, Stephan Wunderlich Verlag 2018, ISBN 9783981904147.

Das Buch ist online erwerbbar über derbuchhaendler.at, Thalia.at, suedwind-buchwelt.at.

Bildquellennachweis (21-02-23): Beitragsbild-stw-verlag.de

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