Mensch sein, Über die Entfaltung der Freiheit, Jiddu Krishnamurti

Rezension der Sammlung von Texten Jiddu Krishnamurti’s über die Entfaltung der Freiheit, herausgegeben von David Skitt.

Mensch sein, Jiddu KrishnamurtiJiddu Krishnamurti ist eine Persönlichkeit, die nicht überall gleichermaßen positiv begrüßt wurde und wird. Dass er jedoch einen großen Einfluss auf philosophische Kreise der Neuzeit hatte und bis heute hat, dürfte unumstritten sein. David Skitt skizziert in seinem Vorwort die Bedeutung von Krishnamurti. Dieser habe die sokratische Frage wieder belebt, indem er das gesprochene Wort der mehr formalen Struktur eines Buches vorzog. Das grundsätzliche Anliegen von Krishnamurti ist nach den Worten David Skitts, eine breitere und tiefere Anwendung der natürlichen Fähigkeiten unseres Geistes…Doch für ihn ist dies nicht nur eine nützliche Steigerung der Geisteskräfte, sondern ein dringendes, tiefes Bedürfnis, etwas, das uns das Leben abverlangt. Es ist die Vernachlässigung dieser Fähigkeiten, die Konflikte und Leid verursacht, und bevor sie zur Entfaltung kommen können, müssen wir uns die Gründe für diese Vernachlässigung bewusst machen und sie verstehen.

Das Buch ist inhaltlich sehr gut und klar strukturiert und beginnt mit einem Abschnitt mit Aussagen Krishnamurtis über „Der Kern der Lehre.“ Dies ist auch der erste und wichtigste Teil des Buches, mit dem der Autor eine Einführung in das Werk Krishnamurtis geben möchte. Ein zweiter Teil ist „Worte(n) und Bedeutungen“ gewidmet und hat den Hintergrund, dass Krishnamurti einige Begriffe mit einer neuen Sinngebung erfüllt hat, wie „Konditionierung“, „Wissen“, „Verhaftetsein“ oder „Lust.“ Für den dritten Teil schließlich hat der Herausgeber drei Beispiele aus dem Werk Krishnamurtis gewählt, „von Formen des Nichthandelns, aus denen Handeln hervorgeht.“

Das Denken ist immer begrenzt

Ein zentraler Begriff in den Reden Krishnamurtis ist das Denken. Er wird nicht müde, auf die Begrenztheit des Denkens hinzuweisen. Dabei betont er denjenigen Aspekt, dass das Denken auf Erfahrungen zurückgreift, die dem Gedächtnis eingeprägt sind, die also aus der Vergangenheit entstammen. Nach Krishnamurti kann das Denken nie das Unbekannte durchdringen; es muss aufhören, damit das Unbekannte sein kann.

Folgende Einsichten Krishnamurtis entwickeln sich logisch aus dieser Voraussetzung des Blickes auf das begrenzte Denken: Die Wahrnehmung des Lebens wird aus vorgefassten Begriffen gebildet. – Die Einzigartigkeit des menschlichen Wesens liegt in der vollkommenen Freiheit von seinem Bewusstseinsinhalt.

Kann der Geist seine eigene Begrenztheit erkennen? Und die Wahrnehmung dieser Begrenztheit ist das Ende dieser Begrenztheit. Es geht nicht darum, wie man den Geist entleert, sondern darum, den Inhalt zu sehen und wahrzunehmen, der gesamten Bewegung dieses Bewusstseins zuzuhören. Diese Wahrnehmung selbst setzt ihr ein Ende, nicht die Frage, wie man sie beendet. Wenn ich etwas Falsches erkenne, liegt in der Wahrnehmung des Falschen selbst eine Wahrheit…Ist der Geist also in der Lage, seinen Inhalt klar und mühelos zu sehen, sowie seine Begrenztheit, das heißt den Mangel an Raum und die an die Zeit gebundene Qualität des Bewusstseins-mit-Inhalt?

Über die Entfaltung der Freiheit

Freiheit_PxHere

Freiheit ist nach Krishnamurti das Gewahrsein der Begrenztheit des Denkens.

Aus dem bisher Gesagten folgt der Standpunkt Krishnamurtis, dass Freiheit im Gewahrsein ohneWahl des täglichen Seins und Handelns zu finden sei. David Skitt erwähnt in seinem Vorwort, dass man Krishnamurti aufgrund dieser Haltung den Vorwurf des Subjektivismus machte, was er sogleich aber sehr richtig als den Geruch einer abgewürgten Debatte interpretiert, dem er schlicht und einfach den Standpunkt des gesunden Menschenverstandes entgegenhält.

Des weiteren bedingt die Art der Freiheit, die Krishnamurti postuliert, dass sie jeder Einzelne selbst finden und erringen muss. Um die Menschen in dieser Bemühung um Freiheit von der Begrenzung des Denkens zu fördern, hat er es stets vermieden, feste, dogmatische Antworten zu geben und hat oft Fragen in den Raum gestellt, die keine definitive Beantwortung erhielten. Verfolgt man aber den Fortgang des Gesprächs zwischen Krishnamurti und seinen Zuhörern und beginnt selbst das Forschen nach der aktuellen Fragestellung, so wird man erleben können, wie innerhalb dieses Prozesses von Fragen, Teilantworten und weiteren Fragen und Betrachtungen sich Momente inneren Erfülltseins und Zentriertseins zeigen. (1)

Meiner Ansicht nach ist dies die große Gabe von Krishnamurti an die Welt, dass, wer sich auf das Forschen und Betrachten, auf das Gewahrsein ohne Wahl des täglichen Seins und Handelns einlässt, eine innere Sicherheit und Autonomie erlangen kann, die ihn schrittweise freier von angesammelten Dogmen und Lebensweisheiten macht.

Das Buch sei all denjenigen Personen zur Lektüre empfohlen, die den Wunsch in sich spüren, dem Leben mehr auf eigenständige Weise zu begegnen und die Kraft für ein „Leben im Hier und Jetzt“ auszuprägen.

Spiritueller Wert 5/5
Praktischer Wert 3/5

 

(1) siehe auch die folgenden Rezensionen zum Werk Krishnamurtis: Revolution durch Meditation, Einbruch in die Freiheit, Über die Liebe, Meditationen, Die schönsten Texte von Jiddu Krishnamurti, Der Flug des Adlers, Kannn das Leiden jemals enden?, Selbstgespräche Das letzte Tagebuch

Jiddu Krishnamurti, Mensch sein, Über die Entfaltung der Freiheit, 240 Seiten, Theseus Verlag 2001, ISBN 9783896201690.

Das Buch ist online erhältlich bei Amazon.at, derbuchhaendler.at, Thalia.at. Alle drei Shops bieten die Buchauflage aus dem Jahr 2001 oder die ebook-Ausgabe von 2015 an.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  • dhyana.at ist eine unabhängige Seite mit Infos und Tipps zu den Themen Meditation, Spiritualität und Yoga