OM saha nāvavatu – Sanskrit Friedensmantra

Die Tradition des shanti mantras – OM saha navavatu

In guter indischer Tradition rezitieren Lehrer und Schüler am Beginn ihrer gemeinsamen Arbeit ein sogenanntes shanti mantra, ein Friedensmantra. Eines der bekanntesten Friedensmantras ist OM saha navavatu – wir haben es beispielsweise als eines der ersten Verse in der Sanskrit Summer School kennen gelernt und auch bei einem kürzlich absolvierten Online Kurs über “Vedischen Gesang” wurde dieses selbe Mantra angestimmt. Es  handelt sich dabei um den ersten Vers der Kena Upanishad, eines sehr alten Textes, der sich der Erforschung Brahmans widmet.¹

Grundsätzlich ist zur Mantra-Rezitation von einzelnen Sanskrit-Versen (shloka genannnt) zu sagen, dass die Melodie sehr frei gestaltet sein kann. Das folgende Beispiel entspricht in der Intonation jedoch relativ exakt der Tradition von Krishnamacharya und damit den Yogarichtungen, die aus der im Süden Indiens gelegenen Stadt Mysore ihren Anfang genommen haben. Zu nennen wären hier als Beispiele Yoga nach Desikacchar, Ashtanga Yoga oder Iyengar Yoga.

Hier noch einmal der Text in Sanskrit mit möglichst wörtlicher Übersetzung ins Deutsche:

OM saha nāvavatu – OM möge Er uns beschützen

saha nau bhunaktu – möge Er uns ernähren

saha vīryaṁ karavāvahai – gemeinsam wollen wir tugendhaft handeln.

tejasvināvadhītam astu mā vidviṣāvahai –

Das Lernen möge uns erleuchten und nicht zu Feinden machen.

om śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ – Friede sei allen Wesen!

Worterläuterungen:

saha = gemeinsam

nau = wir beide

avati = schützen; avatu = er soll schützen

bhunakti = ernähren; bhunaktu = er soll ernähren

kurute = machen; karavāvahai = wir beide wollen machen

vīrya = Tugend, Männlichkeit, Kraft, Energie

tejasvin = leuchtend, klar, brillant; tejasvinau = wir beide Erleuchtete

adhīta = gelernt, angeeignet

= nicht

vidviṣṭe = feindlich gesonnen sein, vidviṣāvahai = wir beide wollen streiten

śāntiḥ = der Frieden

Wer ist “Er” – Sri Aurobindo über den Gottesbegriff

Kena Upanishad-estudantedavedanta.netDie Interpretation dieses Mantra hängt sehr stark davon ab, an wen man bei der Bitte “Er möge uns beschützen” denkt. Im traditionellen Sinn wird mit diesem “Er” meist der Schöpfergott “Brahman” gemeint sein oder eine individuell gewählte Gottheit wie “Shiva”, der Begründer des Yoga, oder “Vishnu”, die Gottheit, die die Individualität erhält.

Eine westlich geprägte Person könnte nun hergehen und das Wort “Er” mit der Vorstellung des christlichen Schöpfergottes füllen und das Mantra so für sich uminterpretieren. Da aber der Gottesbegriff in unseren Breiten leider sehr unkonkret und wenig fassbar ist, bliebe das Mantra somit eine Art Bittgebet an einen fernen Gott. Dies entspricht aber wiederum sicherlich nicht dem Geist des Yoga und der indischen Tradition.

Hier können die Worte von Sri Aurobindo weiterhelfen als einer Person, die sowohl im westlichen wie im östlichen Denken gegründet war und zudem zur Erkenntnis höchster Weisheiten vorgedrungen ist. In dem Buch Die Grundlagen indischer Spiritualität definiert er den Gedanken, der “von stärkster Konsequenz an der Basis indischer Religion (und) der dynamischste für das innere spirituelle Leben” ist:

Während der Erhabene oder das Göttliche Wesen durch ein universales Bewusstsein und indem man alle innere und äußere Natur durchstößt, angestrebt werden kann,

kann Jenes oder Er von jeder individuerllen Seele in sich selbst gefunden werden, in ihrem eigenen spirituellen Teil, weil etwas in ihr ist, das innig eins oder zumindest innig verknüpft ist mit dem einen göttlichen Sein.

Die Essenz der indischen Religion besteht darin, ein solches Wachstum und Leben anzustreben, dass wir aus der Unwissenheit hinauswachsen können, die unserem Mental und Leben diese Selbsterkenntnis verhüllt, und uns der Gottheit in uns bewusst werden.²

Wenn wir also rezitieren “möge Er uns beschützen”, so kann mit diesem “Er” der persönliche innerste Seelenanteil gedacht werden, der uns im Geheimen ständig begleitet und der durch religiöses Studium oder durch geistige Schulung bis zur Bewusstheit gebracht werden kann.

Viel Freude beim Rezitieren und Lernen!

Textquellen:

(1) Kena Upanishad, estudantevedanta.net, abgerufen am 27.03.2021

(2) Sri Aurobindo, Die Grundlagen indischer Kultur, ISBN 9783873481183

Bildquellenverzeichnis (21-03-27): Beitragsbild-screenshot Video “OM saha navavatu”, Kena Upanishad-screenshot estudantevedanta.net

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