Ist das nicht Synkretismus? – Antwort auf die Kritik von Ernst Adams

Buddhismus in Japan-Synkretismus_animepro.de

 

Herr Ernst Adams hat mir freundlicherweise gestattet, seine an mich gerichtete Mail-Nachricht zu veröffentlichen. Daran anknüpfend möchte ich mich der Frage widmen, was unter dem Begriff “Synkretismus” zu verstehen ist:

 

 

Liebe Frau Kumaris,

schön, dass wir noch in Kontakt sind.

Zweifellos propagierte K(rishnamurti) das Freisein von Autoritäten und Methoden. Aber nicht, um das Selbstbewusstsein zu stärken, sondern weil das Befolgen eines vorgegebenen Weges in die Irre führt. Und das lässt K in Ihrer Auflistung großer Meister etwas deplatziert stehen. Ihre „Galerie“ lässt unweigerlich beim Besucher den Eindruck entstehen, dass man sich mal da und mal da bedienen kann. Dass alle irgendwie was Wertvolles zu sagen haben und man sich eben das Beste von jedem aussuchen kann und sich dabei auch noch frei vorkommt.
Wenn Sie sich noch tiefer mit K beschäftigen, werden Sie diese Seite nicht weiter betreiben können, wage ich mal vorherzusagen.

Als die wichtigsten Beitrag K.s sehe ich übrigens nicht obige Haltung, sondern seine Einsicht, dass die menschliche Gewohnheit und Konditioniertheit, die Aufmerksamkeit ins Denken zu lenken, die Ursache aller persönlichen und globalen Probleme ist. Wenn Sie möchten, können Sie sich dazu auch meine Artikel anschauen, falls Sie das noch nicht gemacht haben, insbesondere „Wahrnehmen mit allen Sinnen“, Interview zu Krishnamurti, 2014 und „Die radikale Veränderung des Bewusstseins“, Die Essenz der Lehre Krishnamurtis, 2015, zu finden auf stillekreis.de.

Freundliche Grüße

Ernst Adams

 

Folgendes ist meine Antwort auf diese Gedanken:

 

Lieber Herr Adams,

vielen Dank, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, auf meine letzte Mail-Nachricht zu antworten. Die Kritik, die Sie meiner Webseite gegenüber anbringen – und ich hatte Sie ja ausdrücklich um eine ehrliche kritische Rückmeldung gebeten -, würde ich mit einem Wort als “Synkretismus-Vorwurf” bezeichnen. Anstatt im Sinne von Krishnamurti alle religiösen Systeme in Frage zu stellen, würde ich demnach Wege wie den tibetischen Buddhismus und die Transzendentale Meditation zumindest neutral erwähnen und damit quasi dazu auffordern, dass man sich das Beste aus diesen Wegen herauspickt und ein neues, eigenes System damit kreiert.

So stellt sich für mich unweigerlich die Frage “Was ist eigentlich Synkretismus?”, bevor ich die angebrachte Kritik gutheissen oder zurückweisen kann.

S Y N K R E T I S M U S

Sich zusammen schließen

Tempel auf Kreta_silexzeitung.deDas Wort “Synkretismus” wird in den meisten etymologischen Beiträgen auf das griechische Verb “synkretizein” zurückgeführt. Plutarch hat anscheinend dieses Wort geschaffen, weil er ausdrücken wollte, wie die Kreter sich zusammengeschlossen haben, wenn ein äußerer Feind drohte. Synkretizein heißt demnach “sich vereinigen.”

Im religionshistorischen Kontext gibt es das Phänomen des Synkretismus, wenn in einem Volk oder in einer Gegend zu der bereits vorhandenen religiösen Struktur neue Elemente aus anderen Religionen hinzu genommen und adaptiert werden. Als Beispiel kann der Inselstaat Indonesien dienen, wo der Islam sich mit den alten Traditionen und lokalen Gebräuchen mischt oder Japan, wo die meisten Einwohner eine Art Mischreligion aus Shintoismus und Buddhismus pflegen.

Die Lehre rein halten

Dass der Begriff Synkretismus heute jedoch im Allgemeinen mit einer negativen Wertung belegt ist, geht laut Rutkowski und anderen auf die Zeit des entstehenden Protestantismus zurück, als es Bewegungen zur Versöhnung der unterschiedlichen Formen des Protestantismus gab (der sogenannte synkretistische Streit), die von deren Gegnern als unzulässige Vermischung von Religion kritisiert wurden.

Das II. Vatikanische Konzil hat schließlich den Lehrsatz geprägt: “Der Synkretismus ist zurückzuweisen, denn Jesus Christus ist die personifizierte Wahrheit und der einzige Heilsweg.” (Nostra Aetate) Und das Internet-Lexikon Kathpedia wählt die im Wortlaut mit Ihrer Mail identische Formulierung: Synkretismus sei eine eklektische Grundhaltung, indem man sich aus allem das Beste raussucht. Es sei damit Gleichmacherei gemeint.

Von der religiösen Verflachung ablenken

Das Dschihad-System_Manfred Kleine-Hartlage

Richtig interessant wird es, wenn man diesen dogmatischen Formulierungen die Aussagen von Manfred Kleine-Hartlage aus seinem Buch “Das Dschihad-System” gegenüberstellt:

Die Individualisierung und Subjektivierung des Glaubens auf Kosten seiner sozialen, seiner objektiven und institutionellen Komponente ist so weit fortgeschritten, dass selbst vielen jener Menschen, die sich noch als Christen verstehen…, der Gedanke fremd ist, dass etwa das Trinitätsdogma zum Kern christlichen Glaubens gehören, oder dass überhaupt das Christentum Wahrheiten verkünden könnte, wo andere Religionen möglicherweise im Irrtum sind. …Wer alle Religionen für gleichwertig erklärt, gibt implizit den Wahrheitsanspruch der eigenen auf… Weite Teile der Öffentlichkeit, auch viele Christen… hängen einem Religionsverständnis an, wonach „alle Religionen dasselbe wollen“ – nämlich Liebe und Frieden – und die Unterschiede zwischen ihnen die mehr folkloristische Drapierung dieses „gemeinsamen“ Kerns darstellten.

Hier geht also der Vorwurf der Gleichmacherei postwendend an die Kirchen zurück und man bekommt den Eindruck, dass die beiden großen Kirchen anderen den Synkretismus-Vorwurf machen, um von der eingetretenen Flachheit der eigenen Religion abzulenken.

Gibt es eine Lehre Krishnamurtis?

Wie sieht das nun im Fall von Krishnamurti aus? Sie selbst sagen in Ihrem Interview für die Zeitschrift YOGA-Journal, dass Krishnamurti vor jeder Methode, jeder Technik oder jedem Denksystem, um im geistigen Bereich eine Veränderung hervorzurufen, gewarnt hat. “Jeder Glaube, jede Religion waren für ihn Irrwege. -Die Wahrheit ist ein pfadloses Land- lautet sein berühmter Satz, mit dem er 1929 den theosophischen Order of the Star of the East auflöste, als dessen Weltlehrer er vorgesehen war.” Ist es angesichts dieses Grundanliegens überhaupt angebracht, von einer Lehre Krishnamurtis zu sprechen? Mit seiner inquiry, seinem kontinuierlichen In-Frage-Stellen vorgefasster Denkschemata hat Krishnamurti gerade in pädagogischer Hinsicht sehr stark auf seine Zuhörer gewirkt und sie aus ihrer passiven Grundhaltung dem Leben gegenüber herausgelockt.

Wenn ich nun auf meiner Webseite verschiedene Persönlichkeiten aus dem Gebiet der Spiritualität und Meditation skizzieren möchte, so tue ich das in der Absicht, mich im Hinschauen und Wahrnehmen derjenigen Person zu üben und aufgrund dieser Aktivität ein Fühlen für deren Realität zu entfalten. In dieser Bemühung fühle ich mich Krishnamurti durchaus verbunden. Die Freiheit liegt dann darin, eine Person und ihr Werk so wahrzunehmen, wie sie tatsächlich in der Welt steht. Eine Notwendigkeit, sich dabei an deren Methode, Denkweise oder Glaubensform “zu bedienen”, entsteht dadurch nicht.

Mein Vorschlag wäre daher, den Synkretismus-Vorwurf den Kirchen zu überlassen, die ja gerade nicht hinschauen auf die Realität anderer Richtungen, sondern schon vorher mit der Polemik und der Zuordnung zu Gut (= Katholisch, bzw. Protestantisch) und Böse (=Sekte) beginnen. Die sehr einseitig und bewusst subjektiv gestalteten Seiten verschiedener sogenannter “Weltanschauungsreferenten” geben ein anschauliches Beispiel für diese Praxis ab.

Der Intellekt kennt den Geist nicht

Photios_spots.schoolIch würde sogar so weit gehen, in dem Versagen der Kirchen, was die Vermittlung echter Geist-Erfahrung betrifft, die Ursache für die heute allgegenwärtige Überbetonung des intellektuellen Denkens zu sehen. Auf dem 4. Konzil zu Konstantinopel im Jahr 869 wurde dem Menschen die dreigliedrige Natur in Körper-Seele-Geist abgesprochen, so wie sie der oströmische Patriarch Photios vertreten hatte, und fortan nur noch Körper und Seele gelten gelassen. Wer seither mit dem Denken die Geistnatur des Menschen zu erfassen suchte, wurde als Ketzer verfolgt.

Heute sind wir mit dem Ergebnis dieser Entwicklung konfrontiert und können uns zum Beispiel als Yogalehrer mit den zahlreichen Schulter-Nacken-Verspannungen der Menschen herumplagen, die als Resultat einer zu einseitig intellektuellen Denkweise entstehen – um ein konkretes Beispiel für die Brisanz dieser Auswirkungen zu nennen. Dass außer den persönlichen Problemen auch die globalen Probleme dieselbe Ursache haben, darin stimme ich mit Ihnen vollkommen überein.

Vielleicht konnte ich mit diesen Zeilen meinen Standpunkt etwas konkretisieren.

Ihre Alina Kumaris

Bildquellen (17-12-04): animepro.de, silexzeitung.de, amazon.at, spots.school

 

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