Tao Te-King, Laotse

Rezension des „Buch vom Sinn und Leben“ in der Übersetzung und mit einer Einführung von Richard Wilhelm.

Das Buch vom Sinn und Leben, LaotseEin Priester als Pionier der Sinologie

Der Leser dieses schönen Buches bekommt es gleich mit zwei Persönlichkeiten zu tun: Das ist Laotse, „der Alte“, wie sein Name in der Übersetzung lautet, und neben Konfuzius die prägendste kulturstiftende Persönlichkeit für das chinesische Altertum. Und das ist als Zweites Richard Wilhelm (1873 – 1930), der Übersetzer, seines Zeichens Priestermissionar in China, später jedoch Honorar- und dann ordentlicher Professor für Sinologie in Frankfurt am Main.

Wie in seinem Wikipedia-Eintrag zu lesen ist, hatte sich Richard Wilhelm noch im selben Jahr, als er zur Chinamission aufgebrochen ist, von der Pflicht, die Chinesen zum christlichen Glauben bekehren zu müssen, befreien lassen und widmete sich mit ganzem Herzen pädagogischen Aufgaben. Er interessierte sich für die chinesische Kultur und war zeitlebens ein Verfechter für eine verständnisvolle Begegnung der östlichen und der westlichen Kulturwelt, was ihm so manche Kritik einbrachte.

Aus dieser ehrfurchtsvollen Haltung gegenüber dem chinesischen Geistesgut heraus gelang es ihm jedoch, mit größtem Einfühlungsvermögen Übersetzungen anzufertigen und so nimmt es nicht Wunder, dass seine Übersetzung des „Buchs vom Sinn und Leben“ bis heute unter den über hundert deutschen Ausgaben zu den meist gelesenen gehört.

Laotse, der Alte, und das Tao Te-King

Was hat es nun auf sich mit diesem berühmten Buch und wer ist der Autor Laotse? Nun, er ist ein Zeitgenosse von Konfuzius, könnte man lapidar antworten. Richard Wilhelm schildert sehr schön in der Einführung zum Tao Te-King, wie es vielfach Berichte von einer Begegnung der zwei Größen gibt und wie aber dennoch Konfuzius (551-479 v. Chr.) als historische Gestalt relativ gut greifbar ist, während Laotse eine eher zeitlose Figur bleibt.

Zum Verständnis für den westlichen Leser ist von Bedeutung, dass die beiden Philosophen zu einer Zeit des Niedergangs der jahrtausende dauernden chinesischen Kultur in Erscheinung treten. Während Konfuzius eher kämpferische Worte findet, widmet sich Laotse vor allem der Betrachtung des Lebens (Te-King) und des Sinnes (Tao) und misst dem Handeln und Agieren weniger Wert bei.

Das Buch ist in die zwei Abschnitte „Der Sinn“ und „Das Leben“ unterteilt und enthält 81 in Versform gehaltene Sprüche. Den Kapiteln gehen ein Vorwort und eine Einleitung von Richard Wilhelm, sowie ein Abschnitt über „Soziologisches“ von Dr. H. Gutherz voraus.

Eine Einführung in chinesisches Denken

Da das Tao-Te-King die chinesische Kultur der folgenden Jahrhunderte und Jahrtausende bis heute nachhaltig beeinflusst hat, ist die Lektüre all jenen äußerst dienlich, die mehr Verständnis für diese dem Westen so sehr fremde Kulturstimmung erwerben wollen. So nennt Dr. H. Gutherz Laotse vor allem einen „Soziologen“, mehr als einen Philosophen oder Politiker. Als solcher sei es seine Absicht, Ursachen und Wirkungen, die sich im Zusammenleben der Menschen zeigen, zu benennen. Die wiederholte positive Benennung des „Nichthandels“ durch Laotse interpretiert Dr. Gutherz deshalb im soziologischen Sinn als Beobachtung, „dass bei genügendem Vorhandensein konträren Verhaltens sich die Gesellschaft in Ruhe, in der Stille, in Ordnung befinde.“ (S. 58) Da in diesen Zeiten des kulturellen Niedergangs die Gesellschaft von sehr vielen Gewalthandlungen befallen ist, braucht es in diesem Sinne entsprechende „negative Gewalthandlungen“ zum Ausgleich.

Somit ist nach meinem Verständnis das Nichthandeln bei Laotse kein passives Nichtstun, wie man es aus dem modernen Materialismus gern auffassen möchte und es ist auch nicht dasselbe wie das von Krishna in der Bhagavadgita propagierte „Handeln im Nichthandeln“, wobei der einzelne Yogin innerlich frei davon bleibt, sich an die Früchte seines Handelns zu binden. Wozu führt das Nichthandeln im Sinne des Laotse? Nach Gutherz rührt daher der Umstand, dass „der Optimismus in China festeren Boden hat als anderswo.” Das Gute sei in China immer dem „Nützlichen“ außerordentlich nahegestanden. Schauen wir uns einmal den 19. Spruch als ein Beispiel für das bisher Gesagte an:

Rückkehr zur Echtheit

Gebt auf die Heiligkeit, werft weg die Erkenntnis:

Und das Volk wird hundertfach gewinnen!

Gebt auf die Sittlichkeit, werft weg die Pflicht:

Und das Volk wird zurückkehren zu Familiensinn und Liebe!

Gebt au die Kunst, werft weg den Gewinn:

Und Diebe und Räuber wird es nicht mehr geben!

In diesen drei Stücken ist der schöne Schein nicht ausreichend.

So sorgt, dass die Menschen etwas haben, woran sie sich halten können!

Zeigt Einfachheit, haltet fest an der Lauterkeit:

so mindert sich die Selbstsucht, so verringern sich die Begierden.

In diese Stimmung muss man sich wirklich erst etwas vertiefen, doch dann wird man einer gewaltig großen Achtung vor allem Leben gewahr, die sicherlich an Aktualität für Ost und West bis heute nichts verloren hat.

So eignet sich das Buch als Lektüre für Personen, die sich dem chinesischen Volk frei von Vorurteilen annähern wollen, so wie es Richard Wilhelm selbst in der Begegnung mit der Kultur getan hat. Es eignet sich aber auch für spirituell und philosophisch interessierte Menschen, die der weisheitsvollen Tiefe einer zeitlosen Schrift begegnen wollen. Es ist definitiv kein Buch, das man bloß konsumieren könnte, in diesem Fall wird man ganz sicher eine Art „Verdauungsbeschwerden“ bekommen!

Spiritueller Wert 5/5

Praktischer Wert 3/5

 

Laotse, Das Buch vom Sinn und Leben, Tao Te-King, 250 Seiten, Hardcover, Marix Verlag 2010, IBAN 9783865392220

Das Buch ist online erhältlich bei Amazon.at, derbuchhaendler.at (Nikol Verlag), Thalia.at.

Bildnachweis (23-05-20): Amazon

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