Die Überwindung der Ich-Sucht, Rotraud A. Perner

Rezension der Auseinandersetzung mit dem Begriff der Sozialkompetenz aus der Feder der österreichischen Juristin und Psychotherapeutin Rotraud Perner.

Die Überwindung der Ich-Sucht, PernerDie Autorin des vorliegenden Buches, Prof. Dr. iur. Rotraud Perner ist im Jahr 1944 geboren und hat eine sehr bewegte Biografie vorzuweisen: Als frischgebackene Rechtsanwältin ging sie bereits in jungen Jahren in die Politik und war Mitglied im Wiener Stadtrat. Später arbeitete sie jedoch hauptsächlich psychotherapeutisch und aus dieser Zeit stammt auch ihr Buch über „Sozialkompetenz und Salutogenese“. Ihrem Wikipedia-Eintrag kann man schließlich entnehmen, dass sie sich im Jahr 2016 zur Pfarrerin im Ehrenamt hat weihen lassen. In diesem Buch lässt sie immer wieder autobiographische Erwähnungen einfließen, aus denen der Leser die Logik ihrer Lebensbiographie durchaus nachvollziehen kann.

Sozialkompetenz und soziale Inkompetenz

Am besten bezeichnet man das Werk vielleicht als „wissenschaftliches Fachbuch zur Sozialkompetenz“. Insofern ist es nicht ganz einfach zu lesen, aber doch sehr lebendig geschrieben und mit zahlreichen kleinen Beispielen und Zitaten anderer Autoren ergänzt. Auch die Gliederung ist sehr übersichtlich angelegt: Vom Blick auf die Gegenwart, wo Sozialkompetenz oft als Marktware in Seminaren für Führungskräfte angeboten wird, über die Beschreibung von Phänomenen sozialer Inkompetenz (…als Überlebenstechnik, als Selbstheilungsversuch, als Machtmissbrauch) schreitet die Autorin fort zum Abschnitt über Sozialkompetenz als Haltung.

Als inneres Anliegen der Autorin scheint in dem Buch die Förderung der Gesundheit sowohl im individuellen Sinn, als auch in Familien und Arbeitsstrukturen auf. So flicht sie anhand der vielfach beschriebenen sozialen Inkompetenzen immer wieder Anmerkungen ein, wie die Entwicklung sozialer Kompetenz sich förderlich auf die Gesundheit auswirkt. Dabei nimmt sie auch Bezug auf den Begriff der Salutogenese, den der israelisch-amerikanische Soziologe Aaron Antonovsky in den 70er Jahren geprägt hat.

In dem letzten Kapitel positioniert sie sich jedoch als Psychologin gegenüber Antonovsky und setzt der von ihm benannten Dreiheit von Verstehbarkeit-Gestaltbarkeit-Sinnfindung eine aus ihrer psychotherapeutischen Arbeit entwickelten Dreiheit Wahrnehmung-Alternatives Verhalten-Selbstverantwortung. Aus dem Abschnitt über die Wahrnehmung möchte ich einmal einen Paragraphen – auch zur Veranschaulichung ihres Schreibstiles – zitieren:

Sozialkompetenz als bewusstes Wahrnehmen

Je stärker man sich auf ein Ziel konzentriert, desto mehr läuft man Gefahr, alles rundherum nicht mehr wahrzunehmen: Veränderungen in den Leitwerten der Gesellschaft, in den Angeboten an Vorbildern in den Medien, in den nachahmenden Verhaltensstilen, in den Prioritäten der Politik. Sozialkompetenz umfasst den interessiert wahrnehmenden Gesamtüberblick gleichsam in konzentrischen Kreisen vom Naheliegenden zum Globalen, bevor die Entscheidung getroffen wird, wofür man sich nachfolgend im Einzelnen einsetzen will. Es genügt oft, zwei Tageszeitungen mit unterschiedlicher Blattlinie zu lesen, um sich über Licht- und Schattenseiten zu informieren, oder bewusst Menschen mit widersprüchlichen Ansichten zuzuhören, um sich von indoktrinierten Glaubenssätzen zu befreien. Man muss nur die Suche nach der einen Wahrheit aufgeben und statt dessen die eigene Sichtweise als nur eine von vielen, die sich auch ändern kann, anerkennen – dann kann man auch die eigenen Entwicklungswege wahrnehmen und sich am eigenen Wachstum freuen, wie dieses ebenso auch anderen zugestehen.¹

Marktstand-Bild von Peter H auf pixabay

Sozialkompetenz ist keine Marktware.

Die vielen Beispiele und Bezüge, in denen sich soziale Inkompetenz zeigt, lassen beim Leser nach und nach einen Sinn für den Begriff der Sozialkompetenz reifen. Die Autorin distanziert sich ausdrücklich von den Angeboten, die Sozialkompetenz gleichsam als Marktware anbieten und sozusagen im Schnellverfahren, anhand von Seminarveranstaltungen ihren Erwerb versprechen.²  Gleichzeitig ist sie der Meinung, dass Salutogenese mehr bedeutet als gesunde Ernährung, Bewegung und Entspannung.³  Und sie verschmilzt die beiden Begriffe in der Definition: „Ich verstehe Salutogenese daher als eine prinzipielle Geisteshaltung der Achtsamkeit.“4 Aus all dem ergibt sich für die Autorin die Forderung nach einem „Abschied von der Ich-Sucht“, indem man die Tatsache annimmt, dass man sich im Leben in einer fortschreitenden Entwicklung im Verbund mit anderen befindet.

Das Buch ist eine psychologische Abhandlung und besticht durch die vielen autobiographischen Einflechtungen und Zitate von anderen Autoren. Darin könnte man jedoch auch einen Mangel an einem wirklichen Praktisch-Werden des Themas empfinden. Der Leser ist in der Frage, welches Gesicht eine größere Sozialkompetenz in seinem Leben erhalten könnte, letztlich doch wieder auf sich selbst gestellt. Es fehlt sozusagen der „Geist des Übens“, wie man es vom Yoga her kennt, wo Philosophie und praktische Übung eine Einheit bilden.

Als Lektüre sei dieses Buch jedoch allen aufgeschlossenen Menschen ans Herz gelegt und gerade, wer es auf dem Hintergrund der Coronakrise zur Hand nehmen möchte, wird viele interessante psychologische Aspekte darin entdecken.

Spiritueller Wert 3/5

Praktischer Wert 3/5

(1) S. 164/165

(2) S.14

(3) S.158

(4) S. 159

Rotraud A. Perner, Die Überwindung der Ich-Sucht, Sozialkompetenz und Salutogenese, 196 Seiten, Taschenbuch, Studienverlag Innsbruck 2009, ISBN 9783706547208

Das Buch ist online erhältlich über derbuchhaendler.at, Thalia.at, suedwind-buchwelt.at.

Bildnachweis (20-11-17): derbuchhaendler.at

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