Wer war Jiddu Krishnamurti?

Philosoph, Redner, Schriftsteller und Erzieher des 20. Jahrhunderts.

Krishnamurti 16 JahreIm Alter von 16 Jahren kam Krishnamurti nach England und trat seine Rolle als zukünftiger Weltenlehrer an.

Jiddu Krishnamurti, der spätere weltbekannte Philosoph, Redner und Erzieher wurde (etwa) am 12.5.1895 im indischen Madanapalle im heutigen Distrikt Andhra Pradesh als achtes Kind einer Brahmanenfamilie geboren. Den Namen Krishnamurti erhielt er einer indischen Tradition zufolge, da Lord Krishna der Sage nach ebenfalls ein achtes männliches Kind war. Schon als Kind erkrankte er an Malaria. Noch Jahre später litt er unter den Folgen der Erkrankung. Er scheint ein sensibles, kränkliches und verträumtes Kind gewesen zu sein, dem man wenig intellektuelle Fähigkeiten zutraute.

Da sein Vater Theosoph wurde und auch am Sitz der theosophischen Gesellschaft in Adyar im Distrikt Chennai (Südindien) eine Anstellung fand, kam es zur Begegnung zwischen dem hellsichtigen Theosophen Charles Webster Leadbeater und Krishnamurti, als dieser sich im Alter von 14 Jahren mit seinen Geschwistern am Fluss Adyar aufhielt. Leadbeater erkannte bei dem jungen Krishnamurti eine Aura, die “frei von Selbstsucht” war und dachte, in ihm den kommenden Weltenlehrer (Maitreya) gefunden zu haben.

Die beiden Theosophen Leadbeater und Annie Besant kümmerten sich fortan um die Erziehung von Krishnamurti zusammen mit seinem jüngeren Bruder Nityananda und brachten die beiden im Jahr 1911 zunächst nach England. Ihm Jahr 1915 ließ sich Leadbeater in Sydney in Australien nieder und die beiden Jungen lebten bei ihm. Annie Besant hatte mit Einverständnis des leiblichen Vaters die Jungen adoptiert. Leadbeater kam später sowohl bei den Theosophen als auch bei dem Vater der Jungen in Misskredit, als bekannt wurde, dass er den Jungen Praktiken der Selbstbefriedigung beigebracht hatte. Dies war dazumal eine höchst verpönte Angelegenheit. Der Vater focht daraufhin die Adoption gerichtlich an, verlor aber den Prozess. 1922 dann ließen sich die Brüder unabhängig in Kalifornien nieder.

Auf humorvolle Weise schildert Krishnamurti die anfängliche Zeit seiner Erziehung in England, als ihm von allen Seiten Verehrung zuteil wurde und ihm ja doch noch aufgrund der jugendlichen Jahre die Reife fehlte: “Wenn die beiden Jungen Fahrrad fahren wollten, dann hieß es, gut, von jetzt an dürft ihr jeden Morgen eine Stunde mit dem Fahrrad fahren. Wenn sie Porridge zum Frühstück wollten, dann hieß es, gut, von jetzt an bekommt ihr jeden Tag zum Frühstück Porridge, usw. bis sie es schließlich vorzogen, keine Wünsche mehr zu äußern.” Er zeigte sich lernwillig und offenbarte beispielsweise ein Talent für die englische Sprache und Freude am Turnen. Anforderungen, die zu sehr in eine akademische Richtung tendierten, stellten für ihn weiterhin eher eine Überforderung dar. Wichtiger als ein Universitätsstudium waren für seinen weiteren Werdegang wohl auch tatsächlich die esoterischen Unterweisungen durch Charles Leadbeater persönlich, die ihn in das theosophische Gedankengut und entsprechende Übungen und Meditationspraktiken einführten.

Die beiden Brüder Krishnamurti und Nityananda reisten oft zusammen.

Im Jahr 1911 erfolgte auch die Gründung des “Order of the Star of the East”, eine Vereinigung zur Bekanntmachung und Unterstützung von Krishnamurti, deren Präsident er in seinem jungen Alter von 16 Jahren wurde. Krishnamurti glaubte zunächst selbst daran, dass er nach erfolgter Ausbildung für die Rolle des Weltenlehrers bestimmt sei.Er glaubte auch, dass sein mit ihm innig verbundener Bruder Nityananda, wie ihm Annie Besant vermittelte, für sein zukünftiges Leben ein besonderes Gewicht habe. Der frühe Tod von Nityananda aufgrund einer Lungentuberkulose im Jahre 1925 bedeutete für Krishnamurti deshalb nicht nur eine äußerst große Verlusterfahrung, sondern auch einen Bruch des Vertrauens in die Lehren der Theosophie. Bereits im Jahre 1922 hatte Krishnamurti erste eigene mystische Erlebnisse, die ihn ebenfalls unabhängiger von dem bisher Gelernten durch die Theosophen machten.

So kam es bei ihm langsam zu einem neuen Verständnis über seine Person und vor allem zu einem anderen Verständnis über die Rolle von Lehrern, Meistern, Priestern und Gurus, das ihn im Jahr 1929 veranlasste, anlässlich der Mitgliederversammlung des Order of the Star of the East, bei der über 3000 Personen anwesend waren, den Orden aufzulösen und der ihm anvertrauten Rolle zu entsagen. Er war aber bis zu diesem Moment schon ein sehr guter und gefragter Redner und Schriftsteller und setzte von da an diese Tätigkeit bis zu seinem Lebensende fort.

Krishnamurti forderte die Menschen zum eigenständigen Suchen und Fragen auf und lehnte jede Unterwerfung unter äußere und innere Autoritäten ab.

Nicht einmal philosophische Bücher interessierten Krishnamurti in seinen weiteren Jahren, sondern er beobachtete selbst sein Umfeld und sein Inneres und studierte die Probleme der Menschen. Immer mehr erwachte er zu der Einsicht, dass es dieses Studieren der eigenen Gedanken im Sinne von Meditation ist, worin der Ansatz für alles politische, wirtschaftliche und soziale Engagement liegen muss. Zugleich betonte er das Element der Beziehung, in das jedes menschliche Wesen und auch die Natur eingebettet ist. Dieses unaufhörliche In-Beziehung-Sein will ebenfalls meditativ betrachtet werden.

Eine seiner Beobachtungen war es, dass Kinder wesentlich von tradierten Vorstellungen und Gewohnheiten geprägt werden und so das Rad des Leidens sich in der Welt immer fortsetzt, obwohl doch mit jedem Kind ein völliger Neuanfang wie ein Frühling des Lebens gegeben ist. Daraus erwuchs in späteren Jahren bei ihm der Wunsch, Schulen zu gründen, in denen eine andere Weltsicht leitgebend wirkt und er verbrachte sehr viel Zeit damit, die von ihm gegründeten Schulen in Indien, England und Nordamerika zu besuchen, mit Schülern, Lehrern und Eltern zu diskutieren oder über Briefe mit ihnen in Kontakt zu bleiben.

Interessant ist es, dass gerade die Proklamierung von Krishnamurti zum neuen Weltlehrer für Rudolf Steiner, den damaligen Leiter der deutschen theosophischen Sektion, den Ausschluss gab, sich von der Theosophischen Gesellschaft zu trennen und im Jahre 1912 die Anthroposophische Gesellschaft zu gründen. Der griechische Begriff Theosophie bedeutet soviel wie „die Lehre oder Weisheit von Gott“ und Anthroposophie ist im Verhältnis dazu „die Weisheit vom Menschen“. Krishnamurti wurde nun seinerseits zum Verfechter einer – zwar etwas anders gelagerten – Weisheit vom Menschen, indem er nicht müde wurde, die Möglichkeiten zu betonen, die dem Menschen zur Selbsterkenntnis gegeben sind. Er war der Ansicht, dass alle äußeren Lehren und Strukturen diese Selbsterforschung und Selbstbetrachtung mehr behindern als fördern.

Zwischen Krishnamurti und dem Physiker David Bohm bestand eine jahrzehntelange Freundschaft. Gemeinsam forschten sie, wie das Leiden der Menschheit verringert werden könnte.

Gerade derjenige Punkt, den Rudolf Steiner in seinem Buch „Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten“ als modernen Einweihungsweg aus wissenschaftlichem Forschergeist heraus entwickelt hat, blieb für Krishnamurti jedoch als offene Frage bestehen: In den Gesprächen mit dem Quantenphysiker David Bohm kommt er auf dieses Problem zu sprechen, wie die Menschen auf eigenständige Weise zu spirituellen Erfahrungen gelangen könnten. Seit seinem ersten spirituellen Erwachen im Jahr 1922 hatten sich in seinem Leben immer wieder als „Prozess“ bezeichnete Erfahrungen wiederholt, so dass die geistige Welt für Krishnamurti eine unumstößliche Existenz bedeutete. Wie aber anderen Menschen ähnliche Erfahrungen zuteil werden könnten, war für ihn zeitlebens ein Anliegen, das er nicht auf zufriedenstellende Weise beantworten konnte.

Abgesehen von einer durch den zweiten Weltkrieg bedingten Unterbrechung reiste Krishnamurti zwischen Indien, Europa und Amerika umher, wo er jeweils an bestimmten Orten Reden hielt und auch viele Gespräche mit namhaften Politikern und Wissenschaftlern führte. Zu den öffentlichen Gesprächsrunden waren aber alle interessierten Personen ohne Unterschied zugelassen und so konnte es geschehen, dass in einer solchen Runde sowohl örtliche Autoritätspersonen als auch das Personal, das in seiner Unterkunft für die Reinigung zuständig war, vereint waren. Krishnamurti zeigte sich in solchen Gesprächen durchaus auch als strenger Pädagoge und entwickelte eine Methode, die auf Englisch als „inquiry“ bezeichnet wird: Es ist das möglichst kontinuierliche und logische Vorgehen anhand einer Frage und das Loslassen von bereits vorgefassten oder vorschnellen Antworten zu dieser Frage, was zu einer vertieften Betrachtung eines Themas führt, ohne aber dafür definitive Resultate vorzuweisen. Bei Aktivitäten der internationalen Krishnamurti Foundations und ihren Studienzentren wird auch heute versucht, mit diesem Ansatz des Fragens und Noch-nicht-Wissens zu arbeiten.

Bis ins hohe Alter von 90 Jahren hielt Krishnamurti Reden, Vorträge und Gespräche.

Krishnamurti im AlterKrishnaji, wie er in seinem Umfeld liebevoll genannt wurde, starb am 17. Februar 1986 aufgrund eines Pankreastumors in seiner Wahlheimat Ojas in Kalifornien. Obwohl die Krankheit sich bereits neun Monate zuvor mit Schwächezuständen bemerkbar gemacht hatte, hatte er seine letzten öffentlichen Gespräche noch am 4. Januar in Indien gehalten.

Rezensionen auf dhyana.at:

Revolution durch Meditation, Einbruch in die Freiheit, Meditationen, Der Flug des Adlers, Über die Liebe, Die schönsten Texte von Jiddu Krishnamurti,

Quellen und Links:

Artikel „Jiddu Krishnamurti“ im englischen Wikipedia, Informative deutsche Webseite über Leben und Werk Krishnamurtis, Gemeinsame Webseite der internationalen Krishnamurti Foundations, Offizieller Youtube-Kanal der Krishnamurti Foundations

Bildquellen der Reihenfolge der Bilder nach (17-07-22): karmanews.it, Krishnamurti Foundation of America, Wikipedia, futurism.com, geminismans.wordpress.com

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