Yoga – Leben und Lehren Krishnamacharyas, T.K.V. Desikachar

Yoga, Leben und Lehren Krishnamacharyas, DesikacharRezension des Buches über Heilung von Körper und Geist jenseits des Bekannten. Eine Biographie des Vaters des modernen Yoga, Krishnamacharya, geschrieben von seinem Sohn T.K.V. Desikachar.

Desikachar als Begründer von Viniyoga

Der Name T.K.V. Desikachar (1938 – 2016) dürfte wohl im Großen und Ganzen hauptsächlich denjenigen Menschen ein Begriff sein, die Viniyoga betreiben. Dies ist ein therapeutisch orientierter Yogastil, der von ihm gegründet wurde. In dem vorliegenden Buch tritt Desikachar nun als einfühlsamer Autor in Erscheinung. Er berichtet in größter Achtung von seinem Vater Krishnamacharya. Selbst in Yogakreisen ist der Name Krishnamacharya heutzutage weitgehend unbekannt. Doch sind es vornehmlich er, der im Süden Indiens lebte, sowie Swami Sivananda im Norden in Rishikesh, die ganz wesentlich den Yoga in Indien neu belebt haben. Es waren vornehmlich deren Schüler, die den Yoga in den Westen gebracht haben.

Es lohnt sich deshalb für jeden Yoga-Interessenten, mehr über das Leben dieses Mannes zu erfahren. Ganz wie es der Idee der Yoga-Philosophie von einem gesunden und langen Leben entspricht, wurde Krishnamacharya 100 Jahre alt und war ein Yogalehrer bis zu seinem Tode. Das Buch ist in acht Kapitel unterteilt, die chronologisch voranschreiten. Dennoch atmet es einen Hauch indischen Geistes, indem die äußeren, zeitlich bestimmbaren Ereignisse wie an eine sekundäre Stelle treten. Die Inhalte, die in diesen Lebensabschnitten von Bedeutung waren, treten dafür in den Vordergrund.

Der Guru in der Höhle und der Maharadscha im Palast

Palast Indien_Bild von Dasagani auf pixabay

Die Welt der indischen Paläste ist für Europäer wie ein Traum.

So kommt es, dass das Buch auch für Personen, die nichts über Yoga wissen, lesenswert ist. Denn es gibt eine sehr einfühlsame und wertvolle Einführung in den Yoga. Um den Bogen nicht zu weit zu spannen, möchte ich hier für die Rezension diese zwei Bereiche trennen. Ich werde erst die äußeren Lebensbegebenheiten schildern und dann kurz auf die inneren Lebensthemen eingehen. Krishnamacharya wurde 1888 in einer Brahmanenfamilie geboren. Seine Eltern schätzten den Yoga und verstanden sich als Nachkömmlinge des bedeutenden Yoga-Gelehrten Nathamuni.

Er absolvierte zunächst eine hervorragende Ausbildung in allen indischen philosophischen Systemen. Dadurch war er mit 30 Jahren zugleich Astrologe, Arzt, Rechtsgelehrter, Mathematiker und Sanskrit-Gelehrter. Da sein Ziel von Kind an der Yoga gewesen war, ging er anschließend bei einem Guru in die Lehre. Dieser lebte tatsächlich noch in einer Höhle im entlegensten Himalaya-Gebiet. Dort blieb Krishnamacharya sieben Jahre.

Zurück “in der normalen Welt” heiratete er, wie damals üblich, ein ganz junges Mädchen. In komplett ärmlichen Verhältnissen begann er, Yoga zu unterrichten. Dies änderte sich, als es ihm gelang, den Maharadscha von Mysore zu heilen. Diesem hatten zuvor weder westliche noch indische Ärzte bei seinen gesundheitlichen Problemen helfen können. Von da an folgten quasi paradiesische Jahre, wo er im Palast des Maharadscha einen Saal für den Yoga-Unterricht zur Verfügung gestellt bekam. Es war damals die Zeit der Britischen Kolonialmacht, als gerade Gandhi und die Unabhängigkeitsbewegung für eine Art Aufbruchsstimmung in den Gemütern der Inder sorgten.

Das Geheimnis des modernen Yoga

Die Verhältnisse änderten sich mit dem Tod des Maharadscha sowie dem Eintritt der indischen Unabhängigkeit im Jahr 1947. Von da an hatte Krishnamacharya keine finanzielle Unterstützung und auch keinen Yogaraum mehr. Er musste dann viele Reisen unternehmen, um seine Familie mit inzwischen sieben Kindern durch Yoga-Unterricht zu ernähren. Später ließ er sich in Madras nieder, wo er gute Beziehungen hatte. Dort wurde er von den Menschen vor allem wegen seiner großen Kapazität als Heiler aufgesucht.

Yogi_Bild von mssrusso0 auf pixabay

Ein geheimnisvoller Weiser hat K. am Tempel von Nathamuni empfangen.

Die Lebensstadien Krishnamacharyas reichen von der Himalaya-Höhle bis zum modernen Großstadtleben. Und sie spannen einen Bogen von größter Armut zu größter materieller Sicherheit. Anhand dieser Stadien schildert nun der Autor Desikachar viele Inhalte des Yoga, er nennt die acht Yogastufen, fasst die berühmten Yoga-Sutren des Patanjali zusammen, erläutert die Energiebahnen im Körper und er erklärt die Prinzipien der Schrift Yoga Rahasya, was bedeutet Die Essenz des Yoga. Diese Schrift wird dem Vorfahren Krishnacharyas, dem Weisen Nathamuni zugeschrieben und galt jahrhundertelang als verschollen. In einer Art mystischen Begegnung an dem Nathamuni geweihten heiligen Tempel im Süden Indiens wurde dieser Text Krishnamacharya diktiert, während er sich in einer Art Bewusstlosigkeit befand. Bei all den Schilderungen von Desikachar handelt es sich nicht um graue Theorie, sondern die Worte sind belebt durch die authentische Persönlichkeit seines Vaters, die das von ihm Gelehrte auch selbst lebte.

Als aktuelles und interessantes Beispiel möchte ich einmal den Begriff vinyasa herausgreifen: Viniyoga, Vinyasa Krama Yoga, Vinyasa Flow, so heißen einige höchst moderne Yoga-Stile. Allgemein versteht man unter vinyasa, dass Yoga-Übungen in fließender, ineinander übergehender Weise ausgeführt werden. Dieser Begriff geht unmittelbar auf Krishnamacharya und seine Entdeckung des Yoga Rahasya zurück. Aber was versteht Krishnamacharya selbst unter vinyasa?

Vinyasa bedeutet so viel wie Schritt-für-Schritt und bezeichnet ein fortschreitendes Geschehen mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. Auf eine einzelne Yoga-Haltung angewandt, beginnt vinyasa mit der Visualisierung der Haltung, danach folgt die Einnahme der Ausgangsposition und die Koordination des Atems mit der Bewegung. Während der Ausführung der Yoga-Haltung richtet sich die Konzentration auf den Bewegungsfluss, die Gleichmäßigkeit der Ein- und Ausatmung, gegebenenfalls auf die Atemverhaltung und schließlich auf das vorgesehene Ende. Jeder Schritt ist die Vorbereitung für den nächsten. …Vinyasa ist eine Art Selbsterforschung, da es die Aufmerksamkeit auf die Ergebnisse unserer Handlungen lenkt. Dies gilt auch für andere Lebensbereiche. (S. 133/134)

Vater und Sohn als Lehrer und Schüler

Als sein zweitgeborener Sohn ist Desikachar in gewisser Weise ein Teil dieser Biographie. So ist es ein interessanter Umstand, dass dieser zunächst den Ingenieurberuf erlernte. Erst in seinem 30.ten Lebensjahr, fasziniert von der Fähigkeit seines Vaters, Menschen bei verschiedensten gesundheitlichen Problemen zu heilen, bat er darum, von ihm als Schüler angenommen zu werden. Nun war aber der Vater 50 Jahre älter als er, das heißt, Desikachar war dessen Schüler von seinem 70. Lebensjahr bis zu dem Moment, als er vier Monate nach seinem 100.ten Geburtstag ins Koma fiel und wenige Tage später starb.

Das ganze Buch ist von einer ehrfürchtigen Stimmung gegenüber dem Yoga als Lebenshaltung getragen. Somit ist es nur für solche Personen nicht geeignet, die im Yoga ausschließlich eine sportliche Betätigung suchen oder denen selbst die Worte “Geist” oder “Gott” schon zu viel sind. Auch Desikachar hatte anfangs diese Einstellung. Er verlangte nämlich von seinem Vater, bei der Lektüre der Yoga-Sutren des Patanjali diese Worte nicht zu erwähnen. Sein großer Wunsch ist es aber später gewesen,

dass Yoga eines Tages in seiner universellen Bedeutung gesehen wird, ohne kulturelle und religiöse Assoziationen. Mein Vater hielt Yoga immer für das größte Geschenk, das Indien der Welt gegeben hat – bereitwillig und ohne Erwartung einer Gegenleistung. (S.145)

 

Desikachar war übrigens lange Jahre der Yogalehrer von Jiddu Krishnamurti und verdankte es ihm, dass er eine größere Bekanntheit auch im Westen erlangte.

Spiritueller Wert 4/5
Praktischer Wert 2/5

 

T.K.V. Desikachar, Yoga – Heilung von Körper und Geist jenseits des Bekannten, Leben und Lehren Krishnamacharyas, 256 Seiten Hardcover, Theseus Verlag 2012, ISBN 9783899015508

Das Buch ist online erhältlich bei Amazon.at, derbuchhaendler.at, Thalia.at.

Bildquellen (19-03-07): Buchcover-Amazon, Palast-Bild von Dasagani auf pixabay, Yogi-Bild von mssrusso0 auf pixabay

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