Zen-Buddhismus und Psychoanalyse, Erich Fromm

Rezension eines Vortrags von Erich Fromm aus dem Jahr 1957.

Erich Fromm, Zen-BuddhismusDer Vortrag über Zen-Buddhismus und Psychoanalyse von Erich Fromm (1900 – 1980) befindet sich in der Taschenbuch-Ausgabe zusammen mit zwei weiteren Vorträgen von Daisetz Teitaro Suzuki und Richard de Martino oder in unabhängiger Fassung in der e-book-Ausgabe. Alle drei Vorträge wurden auf einer von Fromm selbst organisierten Tagung in Mexiko gehalten und sind heute immer noch sehr aktuell und interessant zu lesen. Aufschlussreich ist dabei das Geständnis Erich Fromms, dass „das Studium des Zen-Buddhismus für mich von wesentlicher Bedeutung war.“

Eine klare inhaltliche Gliederung

In seinem Vorwort stellt Fromm im Wesentlichen die Frage, woher es kommt, dass zunehmend mehr Psychologen Interesse am Zen-Buddhismus zeigen, wo es sich doch um zwei ganz unterschiedliche Lebensauffassungen und Zielsetzungen handle. Schritt für Schritt breitet er dann seine Argumentation aus und beginnt mit der Feststellung, dass sich die Menschheit in der Gegenwart in einer geistigen Krise befinde, indem sie mit der Abwendung von dem traditionellen Gottesglauben auch die althergebrachten religiösen Ideale verlassen hat. An dieser Stelle verweist Fromm das erste Mal auf Sigmund Freud, dessen Erkenntnis es gewesen sei, dass der Mensch sich nur kraft seines Selbstes erlösen könne.

Da die religiösen Systeme des Ostens wie der Zen-Buddhismus und der Taoismus dem Menschen mit einer ähnlichen Objektivität und Realitätssicht begegnen, wie es der Ausdruck des modernen Selbstbewusstseins erwünscht, können sie sich nach Fromm gerade in der Gegenwart für den westlichen Menschen als hilfreich erweisen.

Sigmund Freud: Wo Es war, soll Ich werden.

Fromm zeichnet nun ein Bild Sigmund Freuds in der Art, dass dieser im Verborgenen Ideale für seine ganze neue Bewegung der Tiefenpsychologie pflegte, die dem Buddhismus nahestehen würden. Er nennt als Beispiele die Idee der Transformation, die Erforschung des Unbewussten und die psychologische Begleitung eines Menschen über einen Zeitraum bis zu fünf Jahren und mehr.

Sehr ausführlich widmet er sich der Frage, was der moderne Begriff des Wohlbefindens im tiefsten Sinn für den Menschen bedeutet und stellt dazu eine Betrachtung über die psychologische Entwicklung des Menschen an. Als wesentliche Aufgabe der Psychologie sieht er schließlich das Heben des Unbewussten ins Bewusstsein an. Diesem Thema des Bewusstseins ist ebenfalls ein eigenes Kapitel gewidmet. Erich Fromm legt dar, wie die menschliche Psyche geprägt ist, die Lebenserfahrungen so zu filtern, dass sie ins erworbene soziale und kulturelle Konzept passen.

Die Verdrängung ins Unbewusste ist nun der Mechanismus, der die unerwünschten Eindrücke nicht an die bewusste Wahrnehmung heranlässt. Für den Psychologen Fromm stellt sich die wesentliche Frage, wie die Verdrängung aufgehoben werden kann. Denn er kommt in seinen weiteren Überlegungen zu der Feststellung, dass die Natur des Unbewussten die eigentliche universale Natur des Menschen darstellt.

Des Menschen bewusste Wahrnehmung ist nur ein winziger Teilausschnitt seiner gesamten universalen Realität.

Demnach gewinnt der psychologische Prozess, das Unbewusste ins Bewusstsein zu heben, die Bedeutung eines Erwachens des Menschen zu sich selbst. Hier klingt nun die buddhistische Idee der Erleuchtung nahe heran. Erich Fromm stellt fest, dass er persönlich die Erleuchtung nicht kennen gelernt hat und zitiert deshalb den Japaner Suzuki:

Wenn die Erleuchtung etwas ist, dann ein Zustand des ganz normalen Geistes… Zen ist unser alltäglicher Gedanke: dieser hängt vollständig davon ab, ob eine Tür in der Angel zum Offensein oder zum Geschlossensein eingestellt ist.

ERich Fromm_recadox.com.br

Erich Fromm

Fromm hebt in diesem Zusammenhang den Unterschied zwischen der buddhistisch verstandenen Erleuchtung als Erleben von Realität zu religiösen Trance-Erfahrungen oder bloßem Für-wahr-Halten im Glauben hervor. Im folgenden und letzten Kapitel widmet sich der Autor nun den verbindenden Elementen zwischen der Psychoanalyse und dem Zen, wobei er als Schlüsselpunkt die Gegenüberstellung der Erleuchtung im Zen Buddhismus und dem Prozess der Aufhebung der Verdrängungen in der Psychoanalyse sieht.

Da Erich Fromm sich sehr genau mit der Begrifflichkeit des Zen auseinandersetzt, was die Rolle des Unbewussten betrifft, eignet sich das Buch auch als gute Einführungslektüre in das Gedankengut des Zen. Schließlich sieht Fromm die unterschiedlichen Begrifflichkeiten als wesentliche Hindernisse, die die Sicht auf das Gemeinsame im Denken zwischen der Psychoanalyse und dem Zen Buddhismus erschweren. Der einfache Schreibstil  mit vielen Wiederholungen wesentlicher Punkte schafft dem unbedarften Leser einen leichten Zugang zu den beiden so komplexen Phänomenen.

Eine eventuelle Zen-Meditationspraxis kann von dem abendländischen Menschen nach der Lektüre dieses Buches mit größerem Verständnis begonnen werden.

Spiritueller Wert 3/5
Praktischer Wert 5/5

 

Das Buch, bzw. das e-book kann online erworben werden über Amazon.at, derbuchhaendler.at (dort findet sich die aktuelle Ausgabe des SuhrkampVerlags, die auch noch weitere Beiträge von Daisetz Teitaro Suzuki und von Richard de Martino umfasst) oder bei Thalia.at.

Erich Fromm, Zen-Buddhismus und Psychoanalyse, 225 Seiten, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 26. Auflage 2012, ISBN 978-3-518-36537-3.

Bildquellen (18-02-25): Amazon, recadox.com.br

Ein Kommentar:

  1. Zu dem Thema „Psychologie und Meditation“ bin ich von einem Psychologen auf die interessante Tatsache aufmerksam gemacht worden, dass es nicht funktioniert, die Meditation direkt als psychotherapeutische Maßnahme einzusetzen. Es scheint, dass damit direkt ein gegenteiliger Prozess ensteht, der zum Beispiel Projektionen eher noch fördert als zum Auflösen bringt.

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